Nebelfäden und Klangfetzen

(c) Kind Kaputt

17. Mai. Heute geht es weiter in der UmBauBar in Oldenburg, wo mich Kind Kaputt erwarten. Intimer Rahmen, auch noch kurz vor Konzertbeginn ist wenig los.

Zuerst stehen Donnokov aus Jena auf der Bühne, die Kind Kaputt schon die gesamte „Zerfall“ Tour über begleiten. Entschlossen verlorene Gesichter, gepaart mit dominierenden Klängen. Im Gepäck ihr 2018 veröffentlichtes Album „Donnokov“. Indie- und Popeinflüsse verschmelzen mit Alternativerock und Punk, immer weiter treibt das fordernde Drumming. Gesellschaftskritische Texte malen eine glasklare Welt, die in der nächsten Sekunde in ihre Scherben zerfällt. Immer wieder lassen von leisen Melodien den Hörer innehalten, verzieren das schwere Gerüst. Der letzte Song: „Schere“. Ein erst kürzlich veröffentlichter Song, geschrieben mit Kind Kaputt. Eines der zahlreichen Highlights des Abends. Die Kind Kaputt Bandmitglieder lassen zu dem Feature nicht lange auf sich warten – zuerst lässt sich nur Sänger Johannes Prautzsch blicken. Dann kommt Gitarrist Konstantin Cajkin dazu, bis kurz darauf die beiden Schlagzeuger der Bands die Plätze tauschen. Der noch freie Platz unmittelbar vor der Bühne wird ausgenutzt, um dem schweren Song seinen Raum zu geben. Die Zusammenarbeit funktioniert fließend und die stückweise Zusammensetzung des Songs ist eindrucksvoll. Die halbe Stunde vergeht wie im Flug. Zurück bleibt die Luft elektrisierende Anspannung.

Donnokov feat. Kind Kaputt – Schere

21 Uhr. Kind Kaputt legt los. Mit „Aufgelöst„, dem Opener der neu erschienenen Platte „Zerfall“. „Da ist Staub auf all den Wunden, die mal große Ideale waren“. Sowohl auf dem Album als auch live funktioniert der Song perfekt als Vorgeschmack auf das Kommende. Die auf die Luft drückende Schwere wird unterbrochen durch zerbrechliche Gedanken, ausgedrückt in Melodie und Gesang. „Aufgelöst“ hat Hand und Fuß, einen einstimmenden Anfang und ein abrundendes Ende. Direkt darauf schließt sich „Besteck“ an, der auch auf dem Album folgen würde.

Die einzelnen Songs des circa 90 Minuten langen Sets wabern herum, ziehen die Zuschauer in ihren Bann und verschlucken alles. Der immer wieder auftauchende Nebel unterstützt diese Wirkung, flutet mein Gehirn mit einem schwebenden Gemisch aus Nebelfetzten und Klangfäden. Getaucht in blaues Licht, das eine nicht vorhandene Weite vermittelt. Als würde es hinter der Bühne noch raus gehen, in eine behütete, blau schimmernde Welt. Die Atmosphäre ist binnen einer halben Stunde eine andere geworden, hat sich selbstständig gemacht und setzt sich in Kopf und Geist fest.

Der Raum verschwimmt vor meinen Augen, einzig die Band vor mir erkenne ich noch klar und deutlich. Mittendrin mein Lieblingssong, „Schwertschlucken.“ Voller Bedeutungskraft, die sich dem Hörer erst nach dem dritten oder vierten Hören eröffnet. Wie bei allen Kind Kaputt Songs, die so wunderbar als Einheit fungieren. Filigrane Einflüsse, die weitergedacht wurden. Bei denen nicht Halt gemacht wurde, als man bemerkte, wie schwerwiegend das Thema ist. Die Steine rollen unaufhaltsam weiter, rollen weiter an bedeutungslosen Texten vorbei, die davon handeln, wie schön das Leben ist. Erfassen alle Unebenheiten und Stolpersteine. „Dort oben auf dem Höchsten Palast, mit all den Größten, schluck ich das Schwert; ich hab‘ gelernt, euch zu gefallen.“

Der dringliche, wissende Blick von Gitarrist und Sänger Johannes Prautzsch bohrt sich direkt in die Seele. Um dort mit dem, was ich höre, in Einklang zu kommen und sich zu festigen. Damit die Bedeutung jedes einzelnen Wortes gehört wird. Damit jedes einzelne Wort verstanden wird. Seine Stimme legt sich in die Musik. Legt sich mit ihrer Verlorenheit, aber auch mit ihrer Sicherheit auf die Gitarrenklänge. Ein gekonnter Wechsel von leise zu laut. Johannes legt sein Herz in die Musik, singt belegt von schweren Themen. Ein ausgestreckter Finger in Richtung derer, die das Leben zu leicht nehmen. Der Aufruf, dieses zu hinterfragen.

Konstantin „Conna“ Cajkin an der Gitarre. Schafft eine gelungene Untermalung des Ganzen, eine Stabilisierung und gleichzeitig auch ein Schaffen neuer Fragmente. Die sich mischen mit staubigen Gedanken und verlaufenen Gefühlen. Ein dauerhafter Begleiter, verpasst dem Set Tiefe und ein bittersüßes Leiden. Seine Haare hängen ihm schon nach den ersten Songs im Gesicht, ab und zu streift ein verlorener Blick das Publikum. Inhaliert die dröhnende Stimmung; längst gewöhnt an den beißenden Charakter.

Mathis Kerscher am Schlagzeug. Er beherrscht sein Instrument, hat jede einzelne Komponente des Sets unter Kontrolle. Seine Leidenschaft an der Musik schmückt sein Spiel aus, es hält ihn nicht mehr auf dem Hocker und immer wieder steht er ruckartig auf. Wie als würde eine unscheinbare Macht ihn am Faden immer wieder hochziehen. Das erste Mal, dass ich so etwas beobachte und es fasziniert mich. Wenn er nicht gerade seine Drumsticks ihre eigene Sprache sprechen lässt, singt er stehend mit geschlossenen Augen die Texte mit. Ganz für sich, obwohl ihm bewusst sind, wie viele Leute anwesend sind. Und ihm dabei zuschauen, was er macht – aber er schafft es, sich von den heimlichen Beobachtern loszulösen und in seine Welt zu verschwinden. Sau schön zu beobachten, wenn Künstler ihre Musik wirklich fühlen und das auch zeigen. Irgendwie fällt es auch mir dadurch leichter, selbst loszulassen.

Kind Kaputt – Schwertschlucken

Kind Kaputt, das ist der dringliche Aufruf danach, sich mit der immer wieder verdrängten Tiefe unserer Existenz auseinander zu setzten. Mit dem Unguten, das uns auf den Magen drückt und nicht mehr los lassen will. Dass mahnend seinen Finger nach uns streckt, wenn wir genau hinhören. Weg von der Oberflächlichkeit, weg von den vermeintlichen Gute-Laune-Masken. Die Diagnose, die keiner erwartet, aber auf die jeder gewartet hat. Besonders in den Texten spiegelt sich der Charakter der Musik wieder, welcher durch ein sich immer wieder neu aufbauendes und in der nächsten Sekunde zerfallendes Instrumentalkonzept aufrecht erhalten wird. Leichte Melodien gehen in der einsetzenden Ruhelosigkeit unter, werden dominiert von vollen, schweren Klanggerüsten und einem nicht nachlassenden Beat. Aber trotzdem geht es immer weiter, dem Aufgeben wird mit voller Kraft getrotzt. Auch wenn die Klippe zum Greifen nah ist.

An der Decke flackert Neonlicht, das jede Sekunde auszugehen droht. Die Fänge der Vergänglichkeit legen sich wie ein trügerischer Mantel auf die Anwesenden. „Zerfall, Zerfall, bring mich zu Fall. Du kommst so leise und dann bist du überall“ ist die Quintessenz des Albums, schlingelt sich wie ein roter Faden durch das Set. Gefühle wie Frustration, Verzweiflung und die alles beherrschende Frage nach dem Warum stehen im Kontrast zu Hoffnung, Zuversicht und Sehnsucht nach einer Zukunft mit Mehrwert. Wie diese aussehen könnte, ist dem Geschick und der Vorstellungskraft der Einzelnen überlassen. „Was nützt es denn noch, größeres zu verlangen?“

Die drei führen durchs Set, ohne dabei eine bestimmte Richtung vorzugeben, in die das Publikum sich bewegen soll. Das Gerüst hangelt sich am neuen Album entlang, die einzige Unterbrechung der Albumreihenfolge geschieht durch „Wir Bleiben hier Stehen“ und „Sterben auf Zeit“ der EP „Die Meinung der Einzelnen“, ansonsten wird die Show genauso wie das Album als Konzept vorgestellt. Als Ganzes. Daher gibt es auch keine euphorische Zugabe, das Konzert endet mit dem Song „Akzeptieren“. Die letzte Lampe wird ausgeknipst. Wie Gespenster verschwinden die Bandmitglieder, zurück bleibt nur ein kleiner Hoffnungsfunken, eingewebt in Verlustängste und die das ganze Konzert begleitende Schwere. Die sich schließlich wie ein letzter Windhauch auflöst. „Und vielleicht verlieren wir irgendwann die Angst davor, uns selbst genug zu sein.“ Die Geschichte ist zu Ende erzählt. Zumindest für dieses Album.

Kind Kaputt – Sterben auf Zeit

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