Feuer gefangene Glücksgefühle

Catapults in der UmBauBar (c) Catapults

27. September 2019. Ein verregneter Freitagabend und ich bin auf dem Weg zu meinem ersten Konzert nach der Festivalsaison. Eigentlich sollte ich jetzt an meinem Schreibtisch sitzen und Mathe lernen – aber sind Konzerte nicht doch immer die bessere Alternative?

Schon seit über ’ner Stunde tummeln sich die Leute in der gemütlichen UmBauBar, als wir gerade reinschlüpfen. Noch gerade rechtzeitig, denn kurz nach unserem Eintreffen begeben sich Apart From Us schon auf die Bühne.

Das Quartett aus Frankfurt am Main präsentiert ein energiegeladenes Set, zusammengewebt aus euphorischem Gesang und einem munteren Klangteppich aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Immer wieder werden die Zeilen aus dem Mund von Sänger Jens Deutschländer durch den Gesang der anderen Bandmitglieder geschmückt. Untereinander wird sichtlich der Kontakt gesucht, sei es beim gegenseitigen Ansingen oder beim Herumspielen an den Instrumenten der anderen – das Zusammengehörigkeitsgefühl der Vier spürt man auch auf der Bühne. Zu schade, um den Kontakt zum Publikum zu suchen, sind sich die Jungs auch nicht; direkt beim ersten Song springt Jens von der Bühne und holt die zögerlichen Konzertbesucher am Handgelenk näher an die Bühne. Darunter bin auch ich und kurz darauf bildet sich eine gut gestimmte erste Reihe, erste Hemmungen werden gelöst, Kälte abgeschüttelt und anfängliche Dancemoves ausgepackt.

Als dann kurz darauf der erste Moshpit entsteht, ist das Eis gebrochen. Mit einem Grinsen auf den Lippen wird die Musik genossen, erste Textzeilen können mitgesungen werden oder es wird euphorisch getanzt. Drummer Valentin Koch verliert direkt nach den ersten Songs die Kontrolle, seine Haare schwirren ihm im Gesicht herum und er konzentriert sich völlig auf die Musik. Ebenso konzentriert sind seine Kollegen der Rhythmus-Fraktion: Gitarrist Marcel Greb steht gedankenverloren auf der Bühne, immer wieder huscht ihm ein Grinsen über die Lippen. Bassist Chris Bredow gibt sich weniger zaghaft, immer wieder verliert er sich in Richtung Jens‘ Mikrofon. Legt seine ganze Kraft in ausdrucksstark gesungene Zeilen, wirkt so, als würde ihm das Ganze hier die Welt bedeuten. Der gemeinsame Nenner der Vier ist förmlich spürbar, die gemeinsame Leidenschaft durchtränkt die Atmosphäre. Es fühlt sich so an, als würde ich seit Ewigkeiten diesen Jungs schon zu schauen, so famliliär schaffen sie es, ihre Songs dem Publikum näher zu bringen.

„Können wir zusammen springen?“ – Und ob die Besucher der UmBauBar das können. Aber wie denn nicht, wenn Apart From Us das so fabelhalft vormachen – nein, ernsthaft, ich habe glaube ich noch keine Band gesehen, die so perfekt im Gleichtakt springt wie die Frankfurter. Ausgenommen natürlich von Drummer Valentin, der sich dafür aber an seinem Instrument verausgabt. Das Logo von Catapults an der Basedrum professionel mit einer Pride-Flagge verhangen.

Ein ruhiger Song wird angestimmt. Mit der Ansage „Wenn wir euch heute etwas mitgeben können, dann, dass ihr aufeinander aufpassen sollt.“ Chris betont, dass oft die fröhlichsten Menschen an Depressionen leiden und dass man das oft erst sieht, wenn es zu spät ist. Das nächste Lied ist diesem Thema gewidmet und lässt die Konzertbesucher in eine melancholische Stimmung verfallen. Macht mich glücklich, dass sie ihre 30 Minuten auch für so eine wichtige Aussage nutzen und nicht nur energiegeladene Songs abliefern, um Eindruck zu schaffen – obwohl es an diesen auch nicht fehlt, nachdem die imaginären Rosen und Taschentücher wieder eingesteckt worden sind.

Das Ende rückt näher und Apart From Us legen noch einen drauf – mit dem Track „Back to Better Days“ aus der gleichnamigen, 2019 erschienenen, EP. „So take me back, back to better Days. I’m not afraid!“ bleibt mir noch lange im Kopf stecken.

Worte des Dankes kommen diesen Abend des Öfteren über die Lippen der Jungs; besonders hervorgehoben wird, dass sie sich auf ihrer ersten Show im Norden sehr aufgehoben fühlen und sich derbe auf den kommenden Auftritt von Catapults freuen. Abschließend werden feuerwerkartig noch letze Endorphine ausgesendet, die ganze Band versammelt sich um das Schlagzeug und legt in die letzten Töne alle Gefühle.

Muntern plaudernd wird die inzwischen immer größer gewordene Menge durch die sich bemerkbar machenden Mitglieder der Band Catapults unterbrochen. Auch wir begeben uns auf direktem Weg nach vorne, um ja nichts zu verpassen. Der kleine Club ist gerade im vorderen Raum brechend voll, erwartungsvolle Körper drängeln sich gegeneinander und recken neugierig ihre Köpfe gen Bühne.

Das zweite Quartett des Abends lässt dann schließlich auch nicht lange auf sich warten. „Endlich wieder Hometown Show!“, wie Sänger und Gitarrist Joost Rademacher des Öfteren wiederholt. Und wie sehr das eine Hometown Show ist, merkt man besonders in den Gesichtern der Besucher und der Bandmitglieder. Der Abend steht unter einem besonderen Stern. Wirkt wie das Zusammenkommen guter Freunde. Diejenigen, die das erste Mal auf einem Catapults Konzert sind, werden direkt aufgenommen und herzlich willkommen geheißen.

Catapults steht für warmen Pop-Punk und Alternative Rock, einen Wechsel aus flächigen Riffs und einprägenden Melodien. Ein sich nicht aufdrängendes, aber auch nicht zurückhaltendes Schlagzeugspiel. Gestaltet durch Malte Grätsch. Untermalt durch gefühlvolle, aber auch energiegeladen gesungene Zeilen mit Joost Rademacher am Mikrofon. Immer wieder gespickt durch feine Elemente. Die einzelnen Instrumente spielen einander zu, umweben den Gesang. Maurice Gärtner (Gitarre, Vocals) und Lars Bannasch (Bass) komplettieren das Quartett.

Das Lächeln auf den Lippen könnte glatt festgebrannt sein, die Texte liegen sowohl Band als auch Besuchern felsenfest auf der Zunge und die Atmosphäre hellt sich immer mehr auf. Welche ich gerne in einem Marmeladenglas eingefangen und mit nach Hause genommen hätte, für kalte Tage, an denen nicht einmal die Heizung so warm wird wie die Atmosphäre an diesem Abend in der UmBauBar.

Dass die Band noch nicht einmal zweijähriges Bestehen feiern kann merkt man nicht. Das Zusammenspiel der Musiker untereinander und die Interaktionen mit dem geladenen Publikum laufen so reibend ab, dass man den Eindruck hat, es handle sich um professionelle Berufsmusiker, die schon seit Jahrzehnten zusammen arbeiten. Es kommt fast so rüber, als würde die Band das Publikum für jede Show engagieren. Immer wieder werden Insider Richtung Bühne gebrüllt, die die Bandmitglieder strahlen lassen. Nur eins von zahlreichen Beispielen ist der Zuruf nach Ende eines besonders energiegeladenen Songs: „Das war ein Banger!“, auf den Joost grinsend mit „Du bist ein Banger!“ antwortet. Hach, wie schön!

Mitreißend ist der Abend sowohl im Zuschauerraum als auch auf der Bühne. „Ich habe noch nie direkt nach dem ersten Song etwas trinken müssen. Ihr seid der Hammer“, fasst ein freudestrahlender Joost den Abend perfekt zusammen. Dem Sog des direkt aufbrandenden Moshpits kann niemand entkommen; beflügelt treffen die Wogen der verschiedensten Leiber immer wieder aufeinander. Und wenn gerade kein Moshpit den viel zu klein erscheinenden Raum durchwälzt, hält das die Menge trotzdem nicht davon ab, euphorisch zu tanzen und lauthals mitzusingen. Die Energie scheint keine Sekunde aus den Körpern zu weichen, stelle ich verblüfft fest – und muss mich im nächsten Moment an den nächsten Pfeiler lehnen, während die Menge fröhlich weitertanzt. Der Raum wird mit jedem Lied gefühlt immer kleiner, immer mehr Körper drängen sich aneinander.

Die einzelnen Gedanken verschwimmen zu einem großen Ganzen, in dem nur noch Platz für die Musik des Quartetts ist. Heute sind alle zusammen hier, die Grenzen des Individuums verschwimmen. Im Moshpit treffe ich die Jungs von Apart From Us wieder, die genauso gebannt wie alle anderen in dem Geschehen aufgehen. Ich habe definitiv Feuer gefangen und will mehr – auch wenn ich leider zu einer der wenigen Personen zählen muss, die die Lyrics nicht mitsingen können. Beim nächsten Mal wird das aber definitiv anders aussehen!

Kurz darauf schnappen sich die Frankfurter den in der Menge performenden Joost und tragen ihn wortwörtlich auf den Händen in Richtung der viel zu niedrigen Decke. Fast eine ganze Minute hält der Musiker das aus, bis er dann wieder zurück auf die Bühne getragen wird. Erschöpft, aber noch breiter grinsend als zuvor. Dass das möglich ist… „Glaube das ist ein neuer Meilenstein in der Bandgeschichte, dass jemand Crowdsurfen war von uns.“ Seine Glücksgefühle strömen über in meinen Körper, hinterlassen grinsende Backen und ein warmes Herz. Auch Bassist Lars Bannasch möchte an diesem Meilenstein teilhaben und lässt sich kurzerhand zum nächsten Song in die Menge fallen, die ihn wenig vorbereitet mit Ach und Krach über ihren Köpfen schweben lassen kann.

Dann zieht sich die Band für einen ruhigen Song stückweit zurück. Begleitet von einer ernsten Ansprache, die sich schwer auf die Seelen der Besucher legt und dazu animiert, die Handytaschenlampen und vereinzelt auch Feuerzeuge zu zücken. Aber auch dieser Song wechselt von ruhig zu kraftvoll, behält dabei seine schwere Stimmung und die tragende Message.

Ein buntes Potpourri voll geladener Songs der neuen EP „Greyscale“ und der älteren EP „Cold Alley“ zieht sich durch den Abend. Zur Trauer aller neigt sich dieser aber wie im Flug dem Ende zu und selbst die zahlreichen Zugabe-Rufe nach der eigentlichen Zugabe holen die Band nicht mehr zurück.

Das nenne ich mal ein Heimspiel vom Feinsten! Zufrieden lehne ich mich im kalten Zug zurück und bin mehr als nur froh, von meinem Schreibtisch aufgestanden zu sein. Bis zum nächsten Mal!

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