Wie Fingerfarbe im Gesicht

Die Band völlig in ihrem Element, die Songs sitzen und sind frei von jeden streng erprobten Rastern. Der Stimmung auf der Bühne wird noch einmal eins oben drauf gesetzt durch die Stimmung vor dieser. Eingespielte Interaktionen, die fast so wirken, als wäre das Publikum selbst beteiligt an Planung und Umsetzung jener. Die Freiheit, seiner Kreativität live völlig freien Raum lassen zu können und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – bejubelt zu werden. „The Six Leaves“ aus Westerstede haben das drauf und beweisen das neugierigen Zuschauern am 14. September auf dem „Rock ’n‘ Rhodo“ Festival.

Schon bevor die Band die Bühne betritt, knistert die Atmosphäre. Knistert gespannter als geöffnete Chipstüten oder Popkorn in der Mikrowelle. Wirkt familiär und vertraut, auch wenn der Großteil der Besucher sich nicht in Kennenlernversuchen übt.
Nach warmen Klängen aus Hamburg wird improvisiert ein Banner am Schlagzeug befestigt. Der Schriftzug des Bandnamens lockt neugierige Fans und Besucher bis kurz vor die Bühne; angezogen wie Motten vom Licht.

Selbst der Soundcheck wird von den Fans und jenen, die es im Laufe des Abends noch werden, bejubelt und lässt augenzwinkernd erahnen, worauf dieser Festivalgig hinauslaufen wird.

The Six Leaves (c) Gedankengroove

Die Nacht ist jung und die Luft knistert. Das Intro setzt ein, die Instrumentenfraktion steht startklar auf zugewiesenen Positionen. Lebendig durch das Grinsen des Publikums. Das Mikrofon wackelt einsam auf der Bühne und das Intro zieht sich.

Jubel rauscht durch die Blätter der die Bühne umgebenden Bäume, als Sänger Freddy begleitet durch laute Instrumentals und ehrliche Freude auf die Bühne stürmt und das Publikum energetisch einheizt. Währenddessen steht der Rest der Band mit erhobenen Fäusten um das Schlagzeug herum, bildet einen soliden Klangteppich und überlässt Freddy die Bühne.

„Das wird ’ne richtig geile Show. Wir haben Bock, ihr auch?“

Die laute Bassline läuft davon, verfängt sich in Baumkronen geschmückt mit Träumen und Euphorie. Verantwortlich dafür ist Philip, der mit schnellem Atem den Träumen folgt und der Euphorie vollen Platz lässt. Ebenso ausgelassen euphorisch ist Keyboarder Hannes drauf, der grinsend im Publikum die Energie sucht und währenddessen gelassen mit seinen Hüften wackelt oder das Tanzbein schwingt, seine langen Haare ungebändigt durch die Gegend schüttelnd.

Die Musiker wissen, wie man vernünftig performt. Jede Bewegung passt sich dem Verlauf der Songs an und scheint genau an der richtigen Stelle eingesetzt zu sein, um das Publikum zum Jubeln zu bringen. Zusammengeschweißt durch die gemeinsame Liebe zur Musik sprüht dieses nur so vor Euphorie, Konfetti und guter Laune.

„Wir brauchen euch im Laufe des gesamten Abends stärker als je zuvor!“

Aber auch die Band selbst wirkt wie aneinander getackert. Nicht eine Sekunde vergeht, in der sich die sechs Musiker keinen freudigen Blick zuwerfen, sich nicht gegenseitig anstacheln oder den freien Platz nutzen, um sich ohne Atempause zu bewegen. Anscheinend haben sie Atempausen gar nicht nötig, so sehr sind sie gefangen in dem Strudel der Glückshormone, der sie umgibt. Ob Gitarrensolo oder besonders schwierige Passagen für ein Instrument, zu jeder Zeit kniet, hüpft oder steht begeistert immer mindestens ein Bandmitglied um die Szenerie herum. Und wenn die restlichen Instrumente sich umstimmen müssen, groovt Lukas am Schlagzeug ins Herz, das aufgeregt versucht, mit den schnellen Schlägen mitzuhalten. Immer weiter und immer lauter wird das Set, bis Freddy stolz verkündet, dass so eben der erste Anruf wegen Ruhestörung das Festival erreicht hat.

„Westerstede bleibt heute wach!“

The Six Leaves (c) Gedankengroove

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn diese Meldung die Band vom Spielen abgehalten hätte und so tanzen Sekunden später Fans auf dem kalten Asphaltboden und Band auf der schimmernden Bühne noch eine Spur ausgelassener weiter. Berauscht von der Atmosphäre, die an diesem Samstagabend in der Luft hängt. Kinder rennen zwischen den Reihen umher, klatschen sich verspielt gegenseitig ab und scheinen auch in ihrem jungen Alter das Besondere wahrzunehmen. Fühlt sich an wie durchgemachte, warme Sommernächte mit Fingerfarbe im Gesicht. Zwei Kräfte, die wieder und wieder voreinander wegrennen aber durch den starken Wind aus Gefühlen jedes Mal wieder zueinander getrieben werden. Wie ganze Sternbilder aus herumsprühender Farbe, die das Firmament zum Strahlen bringen.

Besonders der Song „Keep ‚Em Comin'“ sorgt für Aufruhr, unkontrollierbar klatschende Hände und Augen, die mit den Sternen um die Wette strahlen. Der Moshpit entfacht sich stärker als in den anderen Songs, was unter anderem daran liegt, dass „Keep ‚Em Comin'“ einer der drei Songs der Veröffentlichung „Dirty Secret“ ist. Fühlt sich eher an wie das Surfbrett, dass jeden Herzschlag in stürmische Wellen stürzt, als der Asphaltboden in Westerstede. Der Abend neigt sich dem Ende zu, während die Ausdauer der Anwesenden ins Unendliche zu wachsen scheint. Die Stimmung bleibt intim und persönlich, als die Band anfängt, ihre Danksagungen aufrichtig und ehrlich anzukündigen.

Es wird nach der Zugabe verlangt, während die Band noch halb auf der Bühne ist. Das Grinsen reicht bis zum Mars. Wunderkerzen werden verteilt, noch ein letztes Mal bunte Konfettikanonen gezündet und das Publikum windet sich jauchzend unter den grellen Lichtern, die sich in Gläsern und Kleidungsstücken spiegeln. Feuerzeuge und Finger werden gezückt, um im Takt umherzuschwenken. Die locker getroffenen High Notes lassen das Laub in den umherstehenden Bäumen erzittern. Die letzen Lieder ziehen wie im Flug in Watte gepackt vorbei. Erinnerungsfetzen bleiben hängen von buntem Gelächter, lautem Beifall und dem Gefühl, alles machen zu können.

Für den nächsten Song verlässt die Band ihre Position an den Instrumenten und setzt sich ohne großes Zögern auf den Boden und fängt an zu rudern. Anscheinend ein normaler Anblick für das Publikum – denn schnell bildet sich ein großer Kreis – erstaunlicherweise aber nicht für einen weiteren Moshpit; nach und nach setzen sich die Besucher auf den Boden und fangen schnell an zu rudern. Als würde gar nichts anderes erwartet werden von ihnen. So weit es der Song zulässt bleiben die Bandmitglieder auf dem Boden knien und tauschen grinsende Blicke mit dem Publikum aus. Na, wenn das mal nicht cool ist! Habe ich tatsächlich auch noch nie gesehen und werde es so schnell auch nicht mehr vergessen.

Beitragsbild: (c) The Six Leaves

2 Kommentare zu „Wie Fingerfarbe im Gesicht

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