Mit Glitzer überzogene Gesellschaftskritik

Kulturzentrum Lagerhaus, 29. Februar 2020. Laue Wolken hängen über der Bremer Abendluft, geschäftiges Treiben begleitet johlende Club- und gemütliche Spaziergänger. Die Straßenbahn hält, kalte Luft empfängt den neugierigen Körper. Der Weg zu der Location ist vollgepflastert mit bunten Postern und Gesichtern, die nach Aufmerksamkeit schreien. Durch verwinkelte Gassen weisen sie, einzig und allein beleuchtet durch das fade Licht der Straßenlaternen, die die letzte Februarnacht erhellen. Durch den Aufbau des Kulturzentrums müssen erst einmal mehrere Treppen bestritten werden, bis die Tür der Halle in den Blick kommt. Auf diesen hat sich bereits eine größere Schlange aus munter plaudernden Konzertbesuchern gemütlich gemacht, die aufeinander anstoßen und sich gut gelaunt auf das Konzert einstimmen. Merchandise tragen nicht wenige von ihnen, aber alle wirken herausgeputzt und auf die eigene Art und Weise angepasst an den Glamour-Standard der Formation Blond.

Am Einlass werden die schönen Hardtickets werden bei der Kontrolle eingerissen, ein blauer Stempel ziert Handoberflächen und sowohl die Schlange zur Garderobe als auch die an der Bar wird immer länger. Ein Aufsteller mit den Körpern der drei Bandmitglieder mit Kindern auf dem Arm wurde angebracht; statt den Köpfen der Kinder thronen hier Löcher, durch die lachende Fans sich fotografieren lassen.

Immer mehr Leute drängen sich in den Raum, machen es sich auf den Sitzerhöhungen im hinteren Teil des Raumes gemütlich und verlieren sich in der Musik der Playlist, die gelassen vor sich hin dudelt. Allmählich wird auch das Licht dunkler, bis Bird Berlin die Bühne betritt – der heutige Supportact, der es wahrlich in sich hat. Bird Berlin stellt sich als schon jetzt verschwitzt aussehender junger Mann heraus, der außer einer Badehose und langen, neonfarbenen Socken nichts an seinem beleibten Körper trägt, den er voller Stolz der Menge präsentiert. In seine Brustbehaarung hat er ein Herz rasiert.

Erst befremdlich reagiert das Bremer Publikum auf Bird Berlin, der sich gerade Glitzer auf die Brust streut. Verwirrte Blicke werden ausgetauscht, peinlich berührt gelacht – aber nach wenigen Minuten durchbrechen die ersten Jubelrufe die verlegene Stille im Zuschauerraum. Mit seiner ganz eigenen Art und Weise schafft er es binnen zehn Minuten das Herz der Menge zu erobern, die seine Selbstliebe grinsend hochleben lassen. Unerwartetes geschieht und nach weiteren zehn Minuten schreit die Menge die Refrains mit, tanzt und dreht sich zusammen mit dem selbstbewussten Mann auf der Bühne.

„Der Song geht noch ewig lang und es verändert sich auch nicht so viel.“

Sein glitzerndes Selbstbewusstsein mischt sich mit Tollpatschigkeit, die die Besucher grinsen lässt und es leichter macht, loszulassen. „Pomm Fritz 4 ever“, funkige Diskohits und immer wieder unterbricht Bird Berlin mitten im Song diesen, um kurz etwas anzusagen oder einen ganz anderen Song abzuspielen. Eine Nacht, die die Bremer so schnell nicht mehr vergessen werden.

„Dass ihr ab jetzt Knutschen dürft, ist in Bremen jetzt obligatorisch. Jetzt gibt es keine Viren mehr! Ich spiele den Song so lange, bis alle Knutschen.“

Euphorisch versucht der Berliner das Publikum dazu zu animieren, alle guten Sitten zu vergessen und befreit in die Nacht zu tanzen. Die Luft glitzert und die Sinne werden benebelt, zu „ekstasischer Erotik“ wirbelt die Menge durcheinander und Sommergefühle schweben umher. Ein Supportact, den man nur gerne haben kann, wenn man ihn live und in Farbe erleben darf. Wo andere ihren Körper verschämt aus Angst vor der Gesellschaft verstecken würden, befreit sich Bird Berlin aus den Fesseln der Schein-perfekten Musikindustrie und präsentiert sich glitzernd und funkelnd so, wie er wirklich ist.

Die durch Bird Berlin hochgekochte Stimmung zieht sich auch durch die Umbaupause. Die Hits der ablaufenden Playlist werden teilweise mitgebrüllt, noch mehr Bier wird bestellt und immer mal wieder sehnsüchtig gen Bühne gestarrt.

Allzu lange lässt die Formation Blond, wie sie sich selbst gerne bezeichnen, allerdings nicht auf sich warten und mit den ersten ansetzenden Tönen wird das Publikum direkt in „Las Vegas Glamour“ gehüllt. Die Bühne schmücken die langen Outfits der drei Musiker, die perfekt aufeinander abgestimmt und durch gelbe Federn verziert sind und kleine Aufsteller aus blauen Wolken, die einer Traumlandschaft ähneln. Das Set beginnt gewohnt ehrlich und gleichzeitig auch so sarkastisch, dass dem Zuschauer nichts anderes übrig bleibt, als den Refrain laut mitzubrüllen. Denn hinter dem Las Vegas Glamour, nach dem der Opener des Abends benannt ist, versteckt sich die brutale und schamlose Realität. Die Authentizität des Trios tut gut, denn gegensätzlich zu dem ernüchterndem Text, lädt der Klangteppich zum euphorischen Tanzen ein.

„Das hier ist ein achtstündiges Blond Konzert. Hier kommt niemand mehr raus!“

Gegensätzlich zu dem Einblick in einen ungeschmückten Touralltag schließt als nächster Song „Hit“ an, der von allen Seiten strahlt und vorher noch einmal ordentlich auf Hochglanz poliert wurde. Wie auf dem Silbertablett beschreiben Blond überheblich, wie ihr Erfolg eigentlich aussieht. Der Song ist bezeichnend für das 2020 erschienene Debut-Album „Martini Sprite“, das zwischen den Zeilen sarkastisch aus dem Nähkästchen der Musiker plaudert und dabei authentisch Missstände anprangert. Blond schaffen es, die Gesellschaft so versteckt zu kritisieren, dass der traditionelle Hörer das Konzeptalbum ohne schlechtes Gewissen genießen kann. Dem aufmerksamen Hörer wiederum entgeht nicht der aus jeglichen Schubladen herausragende, hoch erhobene Zeigefinger, der in jedem Song auftaucht.

„Trotz 11 Minuten Parship Garantie bin ich wieder nicht, und wieder nicht verliebt.“

Ein weiteres Beispiel für die Zeigefinger-Symbolik ist der Song „Match“, der dem Trend der Dating-Apps entgegen spielt und dafür die Liebe im Narzissmus findet. Man darf sich selbst auch mal etwas gönnen – auch wenn es nur ein Konzert von Blond ist, das seinen Ansprüchen nach samt Publikum, das liebevoll als „Blondinators“ bezeichnet wird, genauso im Fernsehen übertragen werden könnte. Die Songs, die man sich zuhause genauso gut mit einem Feierabendbier auf dem Balkon genehmigen könnte, haben live eine funkenschlagende Wirkung. Bis zum Anschlag gefüllt ist der nicht gerade kleine Raum, der durch eine Diskokugel, abwechslungsreiche Lichtshow und strahlende Outfits erleuchtet wird. Kaum einen Song lang kann die Menge still stehen, schnell wälzen Moshpits das schnell atmende Publikum um, das nicht genug von der Band bekommen kann.

„Wir haben nämlich den Master of Aerobic Doktortitel!“

Performance bieten die engagierten Background Sänger, die das ganze Set professionell erstrahlen lassen, als auch Blond selber, die eine kurze Unterbrechung durch eine Aerobic Einlage bieten. Die „Blondinator“ steigen schnell mit in die sorgsam eingeübte Choreo ein, die die beiden Geschwister Nina und Lotta Kummer mit ernsten Minen abliefern. Sie verbiegen sich gekonnt und reißen sich mittendrin parallel mit Multitalent Johann Bonitz die Kleider vom Leib – zum Vorschein kommen kurze, samtige blaue Kleider, die mit roten Flammen verschmückt sind, während Johann zu einem durchsichtigen Hemd wechselt. Lauter Jubel schallt bis zur Decke und hallt noch lange in den Köpfen umher.

Die neuen Outfits passen zu „Sanifair Millionär“, der mit eingängigen Lyrics und HipHop-Einlagen seitens Lotta besticht, die dafür ihre unauffällige Position hinter dem Schlagzeug verlässt. Sanifair-Coupons fliegen durch die Menge. Ausgelassen beginnt das Bremer Publikum, abwechselnd anfeuernd die Namen der drei auf der Bühne zu rufen, die sichtlich überwältigt davon sind. Immer schneller dreht sich das Publikum im Strudel aus hochkochenden Gefühlen, die im Moshpit und im gemeinsamen Tanzen entladen werden können. Nur ganz hinten bleibt die Menge ruhig – aber auch hier lässt man sich wenigstens zum grinsenden Kopfnicken durchringen.

Zu den Backgroundsängern haben Blond auch ganz speziell zwei Tänzer eingeladen, die sie als „Diamond“ und „Brilliant“ vorstellen und die zu einigen Songs stundenlang eingeübte Choreographien zum Besten geben, die immer wieder in Jubelrufe aus dem Publikumraum verziert werden. Die Diskokugel dreht sich heimlich weiter, vergnügt strahlend durch den Rausch des Abends.

Nach „Sanifair Millionär“ folgt verlegen lächelnd der Song „Es könnte gerade nicht schöner sein“, der ebenfalls auf dem Debut-Album der Band zu finden ist. Auch hier schaffen es Blond künstlerisch einfach, Tabu-Themen der Gesellschaft direkt anzusprechen und dabei auch noch denen, die diese sonst tot schweigen, grinsend die Zunge raus- und den Mittelfinger entgegen zu strecken. Eingeleitet wird das Tabu-Thema durch eine kurze Ansprache von Nina.

„Wer hier im Raum hat gerade seine Tage…? Kann es sein, dass wir heute hier so nah beieinander sind, dass sich unsere Zyklen aufeinander abgestimmt haben? Diese magische Verbindung, die die Blondinators mit der Band Blond verbindet. Ich menstruire auch gerade, Lotta auch und Johann auch!“

Richtig, es geht um die Menstruation, die so direkt angesprochen wird, dass selbst der härteste Besucher dazu abgehen kann. Der Song, der erst so vermeintlich spießbürgerlich einsetzt, wird auch im dazu erschienenen Musikvideo perfekt inszeniert – denn am Ende tanzen alle Darsteller Blutüberströmt auf einer großen Party zusammen.

Erwähnenswert ist auch der Hit „Since U Been Gone“, der zufälligerweise auch rechtmäßig durch Kelly Clarkson performt wird – Blond machen es auf ihre eigene Art und Weise aber besser und bringen das Publikum noch ein Stück mehr zum Erbeben. Eine kleine Verschnaufpause danach bietet „Book“, der erste Song, der sich von der Debut-EP „Trendy“ aus 2017 in das Set getraut hat. Mich reißt er dafür umso mehr mit, habe ich ihn doch zuletzt 2018 in der nur halb vollen UmBauBar genießen dürfen. Im Vergleich zu damals hat sich die Show sichtbar verändert – mehr Glamour, mehr Aufwand und ein nahezu perfektes Set, aber dafür für meinen Geschmack leider auch weniger Improvisation und in den ernsten Gesichtern der Band suche ich erfolglos die Liebe zum Live-Spielen, die mich damals so mitgerissen hat.

Denn trotz oder gerade wegen den hohen Ansprüchen des eigens vorgeschriebenen Las Vegas Glamours wirkt die Show irgendwie gestellt und so weit durchdacht, dass Blond wirken wie Marionetten in dem Spiel ihres eigenen Managements. Jede einzelne Bewegung wirkt professionalisiert, nur selten durchblitzt ein Lächeln die konzentrierten Abläufe. Jede der Handbewegungen, die Nina einsetzt, passen perfekt in die gelieferte Performance.

Mir wird ganz schwindelig bei dem Aufwand, den die Band sowohl in die Platte als auch in die Show gelegt haben muss. Innerlich verneige ich mich trotz dem vorher aufgeführtem Aspekt voller Respekt, denn das Resultat lässt sich definitiv sehen.

Nicht ohne Grund sticht dieses Konzert für mich persönlich so hervor, dass ich meine noch in der letzten Nacht getätigte Aussage zurücknehme, noch auf keinem richtig guten Konzert in Bremen gewesen zu sein – auf dem sowohl Band als auch Publikum sich vollständig verlieren können. Blond haben es erfolgreich geschafft, das sonst so schwierige Bremer Publikum zu knacken.

„Johann wünscht sich drei kleine Babyziegen!“

Weiter im Set erzählt Nina gerade von den Präsenten, die im Backstage auf die Band warten und die sie von ihren Fans in Empfang zu nehmen wünschen. Die kurze Pause nutzt sie außerdem, um auf den Bandmerch aufmerksam zu machen – die Band selbst biete sich gerne als Lifystyle Berater an, um dem Besucher das am Besten zu ihm passende Merchstück in die Hand drücken zu können. Unter schmunzelndem Raunen und verstohlenen Blicken über das Merchangebot wird der nächste Song „Nah bei dir“ angestimmt, in dem es – wie der Name schon verrät – um Stalking geht, das unheimliche Ausnahme annimmt. Musikalisch meiner Meinung nach der einprägsamste Song auf dem Album – die sich ständig wiederholenden Melodien gepaart mit der lauten Bassline untermalen den sanften, schmerzlosen Gesang spielerisch.

Noch bevor die versprochenen acht Stunden vorüber sind, die für das Konzert eingeplant wurden und die so schnell vorbei gehen, dass es sich auch um neunzig Minuten hätte handeln können, verabschieden sich Blond von dem aufgeladenen Publikum. War der letzte Song doch einer, der die Stimmung elektrisiert hatte, ist es kein Wunder, dass der Beifall schnell in Zugabe-Rufe umschlägt. Und Blond wären nicht Blond, wenn sie die Zugabe sausen lassen würden.

Mit rosafarbenen Kleidern und Hemden liefern Blond die glänzende Kirsche auf der Torte mit dem Hit aus alten Zeiten „Spinaci“, der schon 2017 unverblümt und rotzfrech die Menge zum Tanzen brachte. Spiegelte er auf „Trendy“ noch einen Kontrast zur damaligen Diskografie der Band wider, passt er nun perfekt in das Set – wohl der Grund, warum Blond an diesem den IQ der Konzerbesucher testen wollen. Durch verschiedene Schwierigkeitsstufen sollen sich diese behaupten – erst geht es nur darum, die Silben von „Spinaci“ zu brüllen, bis das Ganze in einem Duell zwischen Blond und ihren Blondinators gipfelt. Bremen hat bestanden und wird als „sehr schlau“ eingestuft, bis endlich der ersehnte Hit angespielt wird.

Doch damit noch nicht genug. Kurz bevor die Bridge mit der Zeile „Seh‘ ich aus, wie der gottverdammte Pop-Eye?“ in den letzten Chorus endet, fordert Nina das Publikum auf, sich zu teilen. Mit der witzigen Anekdote, dass bei der letzten Wall Of Death alle stehen geblieben sind. Zum Glück verläuft es diesmal anders und zeitgleich mit den Konfettikanonen explodiert der Bewegungsdrang der Besucher in einem wirren Chaos aus Gliedern und Gefühlen.

„Am Ende sind wir eh nur hübsche Dekoration.“

Die beiden letzten Songs laufen ab wie im Zeitraffer, zu sehr ist der Kopf noch damit beschäftigt, das vorherrschende Chaos und die ganze Energie zu verdauen, die in „Spinaci“ zum Ausdruck kam. Blond allerdings gönnen ihren Zuschauern die kurze Verschnaufpause nicht und fahren direkt mit „Thorsten“ fort, der metaphorisch und überzogen mit einer großen Portion Sarkasmus das Mansplaining an den Pranger stellt. Besonders als Band mit einer Frauenquote von 67% ist es Blond wichtig, auf das empfindliche Thema aufmerksam zu machen.

Das große Finale bildet schließlich „I Want It That Way“, den die Formation damals für die Backstreet Boys verfasst hatte – wie sollte es denn auch anders sein. Dafür geben sich dann auch die Tänzer und Backgroundsängerinnen noch die Ehre, zu dem traumhaft schönen Geträller auf der Bühne zu stehen und Seifenblasenpistolen umher zu schwingen.

Beitragsbild: (c) Anja Jurleit

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