Pinke Melancholie

Auf der neuen Indie-Pop EP „Blitz“ (VÖ: 22.05.2020, produziert von Joschka Bender) des Wahlberliners „Blinker“ spiegeln sich autobiografische Erlebnisse und Momentaufnahmen wieder, die durch kunstvoll aneinandergereimte Texte und eingängige Melodien miteinander vereint werden.

Sozialisiert durch Die Ärzte legt der 27-jährige hinterfragende und weltoffene Charakterzüge nicht ab, die seine Songs zwischen Systemkritik und Leichtigkeit prägen.

Da wäre einmal der Opener „Wegen Drogen“, auf dem Blinker die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Drogen reflektiert und aufzählt, wie sein Umfeld alltäglich mit Drogen umgeht. Und wenn es nicht gerade die Substanzen sind, die einem helfen, dann zumindest der Einfluss einer anderen Person.

„Manchmal fühl‘ ich überhaupt nichts mehr / Und dann wieder alles viel zu sehr / Ist es wegen Drogen oder dir? / Sind es die Substanzen oder wir?“

Die beschriebenen Situationen hat wohl jeder schon einmal erlebt oder zumindest erzählt bekommen. Blinkers Songs sind zugänglich, sind nah an der eigenen Gefühlswelt dran und könnten auch aus dem eigenen Umfeld stammen.

Der Unterschied zwischen surreal und wirklich Erlebtem verschwimmt in dem Opener immer weiter, während Blinker sich vor meinem inneren Auge in einem pinken Pool aus überwundenen Grenzen und über den Haufen geworfenen Rollenbildern sonnt.

Mit schnellen, präzisen Schlägen auf der Hi-Hat treibt das Schlagzeug gespielt von Theresa Stark den Song immer weiter voran, während seine Stimme selbst gewohnt lässig bleibt.

Zwischen den Zeilen prangert Blinker dann auch gleich ganz kunstvoll die Gesellschaft an, in der Drogen nur „unter dem Tisch“ konsumiert werden sollten, während oftmals vergessen wird, dass auch Alkohol eine Droge ist – und wie viele von ihr abhängig sind. Von diesem veralteten Bild sollte man wohl lieber ganz schnell wieder wegkommen und sich stattdessen mit den Menschen hinter dem Drogenkonsum beschäftigen und mit den Problemen, die sie abhängig machen. Denn: jeder hat Probleme und jeder hat seine andere Art, mit diesen umzugehen.

„Ich hab‘ kurz vergessen, dass ich sterb‘.“

Blinker verarbeitet seine hochkochenden Probleme in den Songs, wie auch im nächsten Track „Wie ich bin“. Mit einem erfrischenden Blickwinkel schaut er zurück auf seine Vergangenheit, in der ihm oftmals vorgeschrieben wurde, wie er sein soll –

„Weil die anderen sonst von mir verunsichert sind.“

Mit einer großen Portion Sarkasmus zieht er die Rollenbilder, die ihm damals eingeprägt worden sind, ins Lächerliche. Aber gleichzeitig greift er nie offen die Personen an, die diese Männlichkeit eintrichtern, sondern reflektiert einfach nur mit einer Nuance von Antipathie.

Er zeigt mit dem Song nicht nur, wie tief verwurzelt Geschlechterrollen noch sind, sondern ist auch einer der wenigen, die offen mit dem Thema umgehen. Ein Soundtrack einer ganzen Generation, die verunsichert von konservativen Ansichten dazu neigt, ihre Identität ganz hinten im Kleiderschrank hinter perfekten Outfits und einem glattgebügelten Vorzeigeleben zu verstecken.

„Ich hab’ gelernt mich zu verbiegen bis es bricht / Wer hat was davon? / Ich hab‘ gelernt euch zu belügen bis es sticht / Wer hat was davon?“

Im Kontrast zu dem düsteren Thema ist der Song in ein fröhliches Gewand gekleidet, wirkt frei und selbstbestimmt. Blinker hat seine ganz eigene Art gefunden, seine Geschichte zu erzählen – eine Art, die nur ihm gehört und bei der er sich hoffentlich nicht mehr länger verbiegen muss.

Im Refrain reißt der Song mit euphorischen Melodien mit, die zum vor-dem-Spiegel-tanzen einladen, während der schlichte Aufbau in der Strophe wunderbar den Kopf freimacht. Die Gitarre schrammelt währenddessen in weit entfernten Galaxien herum.

In seinen Songs ist Blinker keine zurecht gebogene Figur, die monoton erdachte Gefühle abspült und kann endlich aus der Rolle der Marionette heraustreten, die man in strikten Familienverhältnissen schnell spielen muss. Die Texte wirken so herrlich unaufgesetzt, unmaskiert und vor allem: ehrlich.

Er hat gelernt, aus seinem eigenen, toxischen Umfeld heraus zu sich selbst zu stehen und Gefühle offen anzusprechen, die er damals gelernt hat zu verstecken. Und hat damit vielleicht schon alles Wichtige im Leben erreicht.

Im dazu erschienenen Musikvideo nimmt die toxische Männlichkeit ganz andere Ausmaße an – zwischen alten Videoclips, in denen von klein auf Rollenbilder eingetrichtert werden, und brutalen Gewaltszenen färbt Blinker sich die Haare mit einem Pinsel rot, während er sich kritisch in der Kamera seines iPhone’s beäugt.

Blinker weiß um seine Individualität, auch wenn es ihm auf „PS“ schwer fällt, sich seine Gefühle zuzugestehen. Die eigenen Bedürfnisse nicht immer klein zu reden, sondern sich auch einmal um sich selbst kümmern und die eigene Gefühlswelt ins Scheinwerferlicht zu lenken – Sachen, die einem oftmals nicht leicht fallen. Dementsprechend ist „PS“ auch ein Song über all die Dinge, die man gerne hinterher gesagt hätte.

„Und hätt‘ ich noch die Zeit gehabt / Hätt‘ ich dir alle die Dinge gesagt / Was das für mich war / Was wir für mich waren / Was du für mich warst / Und bist / PS wie geht’s dir eigentlich“

Lyrisch faszinierend ausgearbeitet lässt der Track sich auch ohne große Mühe nachempfinden. Es geht um Liebe, die vielleicht schon längst verflossen ist. Weil man zu langsam, zu unaufmerksam, zu blind war, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Weil man sich schon wieder nicht nicht getraut hat, aus Angst vor Ablehnung und zerstörten Träumen. Aber jetzt ist es zu spät, die richtigen Worte sind nicht mehr greifbar und sehnsuchtsvoll wird der Zweisamkeit hinterhergetrauert.

„Weißt du noch, im Treppenhaus / Der erste Kuss war Bier und Rauch / Ich wie am Schweben dann nach Haus / Mit ein’m Wirbelsturm im Bauch“

Blinker spielt mit Worten, reiht sie liebevoll aneinander und zerstört das Konzept dann wieder. Und ist vielleicht der talentierteste deutsche Songwriter, wenn es darum geht, Gefühle zu beschreiben. Unter der Oberfläche brodelt es, während der Wahl-Berliner von verpassten Chancen singt, die einem auf dem Nachhauseweg den Kopf überfluten, wenn aus dem hell erleuchtetem Späti gegenüber überdrehtes Gelächter dröhnt.

Aber das damals ist vorbei und so geht es in „Traurige Lieder (mit dir)“ weiter mit kleinen, wertvollen Momentaufnahmen. Anders als die anderen Songs beginnt dieser hier mit düsteren Akkorden, die schräge Harmonien in den Gehörgang pflanzen. Nichtsdestotrotz ist seine Stimme so nah, als würde er die Zeilen direkt nebenan auf dem Fensterbrett singen, während schwere Regentropfen dunkle Klamotten durchnässen. Begleitet von Alex Mayr schweben die beiden Stimmen hinaus in die Dunkelheit, brennen sich unter die Haut.

Der wohl melancholischste Song auf der ganzen EP wälzt sich in Antriebslosigkeit und viel zu verlockenden Daunendecken. Es war noch nie so einfach, vor Problemen wegzurennen und sich in Träume und traurige Lieder zu flüchten. Das wertvolle an dem Song bleibt dann aber wohl, dass er nicht einfach nur ein trauriges Liebeslied bleibt – Blinker vermittelt, dass es okay ist, auch mal die Augen zu schließen und alle Gedanken zu verbannen.

Den Song kann man fast schon als Fortsetzung zu „Wegen Drogen“ verstehen. So kann hier endlich akzeptiert werden, dass es manchmal gar keinen anderen Ausweg als die Realitätsflucht gibt. Dass es manchmal gar keinen anderen Ausweg gibt, als sich hinter den Substanzen vor den weiterziehenden Wolken, Mahnungen und den eigenen Verpflichtungen zu verstecken. Und das ist auch völlig okay so.

„Wenn die Augen taub sind und die Träume frieren, will ich nur kiffen und traurige Lieder hören mit dir.“

Die melancholische Grundstimmung nimmt auch der nächste und zugleich der letzte Song der EP auf, der sich „Bis hierhin lief’s okay“ nennt und einen runden Abschluss der doch leider sehr kurzen Reise bildet. Gerade einmal 15 Minuten hat Blinker sich Zeit gegeben, einen kleinen Teil seiner Geschichte zu erzählen – allerdings ist für dieses Jahr möglicherweise noch ein Album geplant. Wer weiß, wie die Geschichte dort weitergeht.

Wie auch auf den anderen Songs bleibt der Pessimismus, während der Track sich im Refrain überraschend aufgeladen präsentiert. „Bis hierhin liefs okay.“ Nächtliche Clubbesuche und flackernde Lichter mischen sich mit einer Überdosis an Gefühlen – bis der Song dann mit einem kleinen Aufprall ganz plump endet.

Der Track selbst aber spricht über eine ungewisse Zukunft. Ruckartig kann sich alles verändern, jeder einzelne Plan kann morgen schon wieder zunichte gemacht werden. Was dann bleibt ist die schöne Zeit, die im Herzen weiter vor sich hinvegetiert und auch in kalten Momenten wie die beste Droge wirkt.

Die Lichter leuchten ein letztes Mal und gehen dann still und heimlich aus. Für den Moment ist vielleicht doch alles erzählt. Ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist, bleibt jedem selbst überlassen. Die Platte, die in den ersten Sekunden der EP mit einem kleinen Sample zum Leben erweckt worden ist, kommt hier zum Stehen. Ey, und mein Herz schlägt viel zu schnell. Das war eine schöne, aber auch sehr reflektierte Reise. Mit einem Kopf voller Chaos und einem Herzen voller Gefühle.

Beitragsbild: (c) Marius Pigulla

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