Ein Meer aus Warnblinkern

11.07.2020 – Die Kühlbox voll mit Snacks und Getränken in den Kofferraum werfen, das Handy ans Aux-Kabel anschließen und mit dem Sommer im Rücken im Auto Richtung Hamburg fahren – Konzertvorbereitungen waren auch mal anstrengender. Selbst die Jogginghose muss nicht ausgezogen und das Make-Up nicht erneuert werden. Heute geht es zu Alligatoah, der seiner Stimme eine ganz besondere Bühne im SEAT Cruise Inn Hamburg verleiht.

Kaum haben wir das regnerische Bremen hinter uns gelassen und das erste Schild mit der Aufschrift „Willkommen in der Hansestadt Hamburg“ passiert, blitzen auch die ersten Sonnenstrahlen hervor. Einen schönen Sonnenuntergang sollen wir zwar nicht kriegen, aber zumindest lässt sich diese wenigstens blicken.

Eine lange Schlange verstopft schon die Einlassstraße, als wir gut eine Stunde vor Einlass auf das Gelände fahren. Bisschen merkwürdig fühlt es sich allemal an, sich dicht an dicht hinter Windschutzscheiben und Blechdächern die Straße entlangzuschlängeln – aber andererseits ist es auch sehr gemütlich, in aller Ruhe unser Essen herumzureichen und die Lieblingsmusik laut aufzudrehen. Stress ist was anderes. Und so stoßen wir schon fast euphorisch mitten in der Schlange an, auf das uns erwartende Konzert, auf uns und auf den für uns nun wirklich richtigen Sommerbeginn.

Das Beste am Einlass ist aber sowieso die Crew – damit alles schnell und geordnet ablaufen kann, fahren die Mitarbeiter des SEAT Cruise Inn immer wieder auf Rollern vorbei, können so bei Problemen schnell vor Ort sein und sich einen Überblick über den doch sehr großen Platz verschaffen.

In so gut wie jedem Auto kann man einen grinsenden Besucher mit Alligatoahmerch ausmachen, sogar einige Autos mit passender Dekoration oder Aufklebern stechen aus der Menge heraus. Schon wenige Minuten nach Einlass sieht man die ersten Fans bei offenem Fenster auf den Seitentüren sitzen, während Snacks und Deko auf dem Dach platziert werden und alsbald füllt sich der Platz immer weiter auf mit den verschiedensten Autos, guter Laune und angestautem Konzertentzug.

Dadurch, dass das Auto nur im Notfall und nur mit Maske verlassen werden darf, sammeln sich keine Gruppen zwischen den Reihen und die Hygienevorschriften können gut eingehalten werden. Auch das Gelände an sich ist der Hammer – links neben der Bühne die Hafenkulisse und rechts die AIDA, die im Laufe des Abends noch Gegenstand vieler Scherze sein soll.

Kurz vor dem auf dem Ticket vermerkten Beginn tut sich auf der Bühne etwas – und ein kleines Hupkonzert rauscht durch die Menge. Obwohl auf der Leinwand der Hinweis durchfliegt, dass Hupen nicht erwünscht sei, kann die Menge es trotzdem nicht lassen. Funfact: Man weiß auch schon ohne hinzusehen, dass der „Nicht Hupen“ Hinweis gerade über die Leinwand flackert, weil immer mindestens ein Konzertbesucher genau das Gegenteil macht.

Wenige Sekunden später betritt der Voract Dazzle zusammen mit Haxan und Kratzmeister Kalle die Bühne, die gut eine halbe Stunde unter schnellen Beats und packenden Zeilen erbebt. Der Berliner arbeitete schon in der Vergangenheit öfter mit Alligatoah zusammen und ist deswegen nicht gänzlich unbekannt, überrascht aber doch den Großteil des Publikums positiv mit seinem Doubletime-Rap. Statt auf den frauenverachtenden Rap-Mainstream-Zug aufzuspringen, nutzt er seine schnelle Zunge für gesellschaftskritische Aussagen versehen mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus.

Trotzdem kommt auch das Durchdrehen nicht zu kurz – er schafft es, eine gelungene Mischung zwischen ernsten und feierwütigen Texten zu schaffen, die untermalt wird von treibenden, flammenden Beats. Mit Sprüchen wie „Hupt ihr noch oder schlaft ihr schon?“ bringt er die Menge zum Lachen und lockert mit Leichtigkeit die Stimmung, die ihren Höhepunkt in den energiegeladenen Hooks findet.

Erfrischend ist, dass die Melodien sich nie ähneln und auch einen Touch von westafrikanischem Dancehall enthalten. Er zeigt, dass im Rap nicht alles streng festgefahren sein muss und die verschiedensten Einflüsse mit viel Vergnügen und gutem Gewissen eingebaut werden können.

Mein persönliches Highlight ist es, als Dazzle sich spontan einen Beat auf der Loopstation zusammenbaut, indem er verschiedenste Rhythmen und Instrumente aufeinander stapelt und zusammen mit Haxan die ganze Bühne einnimmt. Der Musiker hat definitiv was auf dem Kasten und sollte wohl auf dem Rap-Radar im Auge behalten werden!

Eine kurze Umbaupause später wird es wieder unruhig; passend dazu bilden sich bunte Streifen auf dem Himmel. Für den Abschluss der SEAT Cruise Inn Autokinokonzerte wäre ein schöner Sonnenuntergang mit Feuerwerk das Highlight gewesen – aber das kann Alligatoah binnen Sekunden mit seiner lockeren Art herausholen.

Mit dem ersten Beat verwandelt sich das Autokino in eine Art fiktive Welt, alles außerhalb erscheint irreal und für gut zwei Stunden existiert nur die ganz in gelbe Bademantel und Anzüge gekleidete Band auf der Bühne. Für uns ist es das erste Mal Alligatoah live und umso mehr sind wir begeistert von dem bunten Potpourri von alten Klassikern, Songs aus dem neusten Album „Schlaftabletten, Rotwein V“ und astreiner Unterhaltung.

Alligatoah lässt es sich nicht nehmen und nutzt die sonst nur durch das Autohupen unterbrochene Pause zwischen den Songs aus, um kleine Annekdoten zu erzählen, die immer entweder zu dem vorherigen Song passen oder den nächsten einleiten. Irgendwann machen wir ein Spiel daraus, den nächsten Song nur anhand der Ansage zu erraten – klappt erstaunlich gut.

Die kunstvollen Übergänge kann man auch, wenn es um Konzerte geht, wirklich nur bei Alligatoah sehen, der durch seine ideenreichen und nie das Thema verfehlenden Texte eine Kunstfigur für sich ist. Diese Kunst zeigt sich noch mehr in den versteckt gesellschaftskritischen Songs, die immer wieder moderne Bezüge aufweisen und eindrucksvoll die Augen öffnen für erfrischende Perspektiven.

Natürlich fehlt einem bei diesem Konzept die Nähe zu dem Publikum, aber trotzdem erweist sich das Konzept „Autokino“ mit vielen anderen Vorteilen als erfolgreich. Besonders komfortabel durch unzählige Gestaltungsmöglichkeiten in der Essens- und Kleidungsauswahl und dem ganz persönlichen Moshpit im Auto wirkt das Konzerterlebnis an sich noch eine ganze Spur intimer und ohne pöbelnde Nachbarn kann jede einzelne Sekunde genossen werden.

Immer wieder fahren Snackwagen mit unter anderem Popcorn, Brezeln und den verschiedensten Kaltgetränken durch die Menge direkt zum eigenen Platz, damit niemand das Auto – außer im Notfall – verlassen muss, während sich im Hintergrund Windräder drehen und langsam die Lichter der AIDA angehen.

Zwischen starken Beats in „Fick ihn doch“ und gesellschaftsverachtendem Sarkasmus in „Lass liegen“ stellt Alligatoah seine Band vor – und sorgt immer wieder für herzhafte Lacher, wenn er den als Hotelpagen verkleideten Battleboi Basti auf die Schippe nimmt. So stellt er ihn gar nicht erst vor – viel mehr müsse er sich erst einmal in „I Need A Face“ beweisen. Wenige Minuten später wird klar, was damit gemeint ist. Passend zu den Lyrics verzieht Basti sein Gesicht auf die unterhaltsamste Art und Weise und ist damit ganz groß auf der Leinwand zu sehen. In einem normalen Konzertsaal ohne Leinwand wäre dies wohl nie möglich gewesen, hier haben alle einen guten Blick auf diese und somit auch auf die verschiedensten Gesichter, die Basti an den Tag legt.

Eine große Portion Witz zwischen den Songs passt wie die Faust aufs Auge zu den Texten, die vor Sarkasmus nur so triefen. So erzählt Alligatoah beispielsweise von seiner ganz eigenen Corona-Verschwörungstheorie, nach der die Schornsteigerfeger den Virus überhaupt erst erfunden haben. Die Gesichter hinter den Windschutzscheiben grinsen immer wieder, froh über die Abwechslung im Alltag mit Abstand.

Die Setlist geht einmal querbeet durch die ganze Reihe an verschiedenen Songs und Genres, denen sich der Künstler bedienen kann, der selber ein Genre für sich ist. Von fast melancholischen Refrains zum Abschied in „Wie Zuhause“ oder im „Trauerfeierlied“ zeigt er in „Beten & Beißen“, für das Dazzle in der Zugabe noch auf die Bühne kommt, sein DoubleTime-Talent und wirbelt mit dem NuMetal Song „Hass“ die Köpfe der Zuschauer ordentlich durcheinander. Hierfür verlangt er einen Moshpit im Auto, der zumindest bei den Fans mit offenem Dach gut sichtbar und energiegeladen für Begeisterung sorgt. Und wer weiß – vielleicht erfüllt sich auch in neun Monaten sein ausdrücklicher Wunsch nach Alligatoah-Autokinokonzert-Kindern.

Statt dem aufwändigen Bühnenbild, das man sonst von Alligatoah Shows gewohnt ist, rahmen verschiedenste Layouts die auf der Leinwand dargestellten Künstler ein – beispielsweise ziert die bekannte Aufschrift „Hotel Kalliforniah“ den ersten Song. Statt dem Tisch, auf den sich der Künstler so gerne legt, muss hier eine schlichte Box herhalten – mit der er dafür aber umso komfortabler über die Bühne rollen kann.

Aufbrodelnde Stimmung mischt sich mit den bunten Warnblinkern, die sich immer abwechseln und den Platz zusammen mit der Sonne in leichtes rotes Licht tauchen. Von der AIDA aus muss dieser Blick wohl besonders schön, aber auch absurd sein. Von vorne hingegen kann man die hintersten Autos gar nicht sehen, so gut gefüllt ist der große Parkplatz am Hafen.

Das Konzert fühlt sich an wie eine private Party im eigenen Auto, Alligatoah ist mal mehr, mal weniger präsent in den Gedanken und auf der Leinwand, aber zaubert stets ein Lächeln auf die Lippen, die durch das ständige Tragen eines Mundnasenschutzes das gar nicht mehr gewohnt sind.

„Ich habe heute geträumt – von einer Pandemie und Autokinos… Aber im Traum kann man sich alles erlauben!“

Fotos (c) Mihanta Fiedrich // Vielen Dank an das SEAT Cruise Inn und MORGENWELT für die gelungene Zusammenarbeit und die erlebnisreiche Möglichkeit!

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