Von Picknickdeckenverbündeten, Antiseebärenkreisen und der Kraft von Musik

24. Juli 2020 – Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal meine Picknickdecke eingepackt und zusammen mit diversen Snacks und Getränken auf einer Wiese ausgebreitet habe. Ich glaube, es war irgendwo in einem Park in Oldenburg, direkt neben einem Cosplay-Pärchen und bis auf den Boden reichenden Blättern. Dieses Mal ist es anders – an die 200 Besucher überqueren mit bunten Picknickdecken unter dem Arm und ausgedruckten Tickets in der Hand den Auricher Hafen, um zu einem Wiesenstück auf der anderen Seite zu gelangen. Hier soll heute das „Picknick Konzert Aurich“ stattfinden, bei dem sich Janosh, Dry Dudes und Hi! Spencer das Mikrofon reichen.

Eine Bühne, Technik und verschiedene Stände sind schon aufgebaut und Fähnchen für die jeweiligen Plätze in den Rasen gesteckt. Im Vorhinein musste man sich einen Platz für je zwei Personen in verschiedenen Reihen reservieren, die ebenso durch Fähnchen abgesteckt sind. Um den Mindestabstand einzuhalten wurden die Picknickkreise farbig markiert und mit Platznummern versehen, die besonders bei der Essensbestellung von Vorteil sind.

Wahrlich wie ein König behandelt fühlt man sich durch die zuvorkommende Crew, die ein großes Sortiment von Weißwein über Popcorn und Nachos bis zu Hi! Spencer Merchandise per WhatsApp-Bestellung in einem Picknickkorb direkt an den Platz bringt und so vermeidet, dass ständig Besucher herum tigern. Sogar an Untersetzer für die Gläser wurde gedacht. Dank Klassikern wie „How You Remind Me“ und „Otherside“ in der Umbauplaylist vergeht die Stunde zwischen Einlass und Beginn wie im Flug und so ist der Platz schon gut gefüllt, als Janosh die Bühne betreten.

Der Ton ist zwar sehr laut gemischt, aber umso mehr Gefühle prasseln auf den Körper ein – allen voran die gestillte Sehnsucht, endlich wieder Teil von lauten Livekonzerten sein zu können. Die Band aus Emden begrüßt die Besucher in ihren „Antiseebärenkreisen“, was den ein oder anderen zum Schmunzeln bringt. Sie packen Rock aus, der zum Moshpit einlädt – aber stattdessen ist jeder an die eigene Picknickdecke gebunden, die Beine fest auf dem Boden und das ein oder andere Bier in der Hand.

Janosh klingen nach Unendlichkeit und nach dem Sprung in den See mitten in der Nacht im Winter. Nach guten Zeiten und noch schöneren Gefühlen, nach einem Kopf, der voller Gedanken platzt und dann einen Ausgleich in der Musik findet. Abwechslungsreiche Songs passen zu dem bunt durchgewürfelten Bandmerch, der alle Bandmitglieder mit den verschiedensten verzerrten Gesichtern in schrillen Farben darstellt. Die vier Musiker haben zwar auch seriösen Merch – aber: „wer will das schon heutzutage?“

Besonders der „The Hogwarts Song“ fasziniert mit seinem plötzlichen Wechsel von leisen, harmlosen Klängen zum gutmütig die Gläser gegeneinander klirren lassen hin zu aufgedrehten Riffs für Abende mit einem Kasten Bier in der einen und einer Musikbox in der anderen Hand. Auch wenn das erst einer der ersten Gigs der Band in dieser Formation ist, fühlen sich die vier Musiker auf der Bühne sichtbar wohl, tauschen immer wieder energiegeladene Blicke aus und fordern das Publikum euphorisch dazu auf, auf den Picknickdecken so gut es geht mitzutanzen zu Musik, die nach engen Clubs und vor Glück triefenden Moshpits nur so ruft.

Nach einer wirklich kurzen Umbaupause stehen auch schon die Dry Dudes auf der Bühne. Zwar ohne Band, aber dafür passt das Akustikset der beiden Künstler umso mehr in das Picknicksetting mit Hafen und Sonnenuntergang im Hintergrund. Die beiden laden mit gefühlvollem Indie, liebevoll gegriffenen Gitarrenakkorden und schwebenden Stimmen ein, den Abend zu genießen und alles andere hinten anzustellen. Hier, gerade im Moment, ist es perfekt – mit den Liebsten auf weichen Picknickdecken, warmer Musik auf den Ohren und Lächeln in Gesichtern, die viel zu lange auf genau diesen Moment gewartet haben.

„Grow“ reißt mit seiner verspielten Melodie mit – und verzaubert noch mehr in seiner Akustikversion, die ganz reduziert auf die Stimme von Erwin ist, der von Patrick sowohl gesanglich als auch an der Gitarre begleitet wird. Besonders dieser Part bringt uns zum Lächeln und Mitsingen – ein Gefühl, das in der ganzen Isolations-Zeit fast ganz verdrängt wurde. Immer wieder durchbricht noch zurückhaltender Gesang die andächtige Stille aus dem Zuschauerraum, verfängt sich in den sanft wiegenden Blättern der um zu stehenden Bäume und wird ganz weit weggetragen. Dieser Abend wird noch lange einen Platz im Herzen haben – auch für Wiebke, mit der ich mir die Picknickdecke teile und für die das hier erstes Konzert seit langem wieder ist.

„Normalerweise machen wir viele schlechte Witze, da wir nur wenige Songs haben, aber jetzt kürzen wir den schlechte Witze Teil und spielen „Take Me Home“!“

Trotzdem können die beiden es nicht lassen, immer wieder Witze einzubauen, die die Stimmung auflockern und im Bauch freudig kribbeln. Das Popcorn kommt hier ganz gelegen, aber auch die Nachos bieten sich perfekt an, um die liebevolle Musik von ganzem Herzen zu genießen.

Wie im Flug vergeht die Spielzeit der beiden Künstler und das Publikum kriegt in der nächsten – wieder erfreulich kurzen – Umbaupause die Möglichkeit, noch einmal durchzuatmen und sich innerlich zu wappnen für Hi! Spencer aus Osnabrück, die als nächstes auf der Bühne stehen werden.

Eben diese lassen dann auch nicht lange auf sich warten und eröffnen mit „Wo immer du bist“ ein Set, das vor Kraft und Energie nur so sprüht und mit einer geballten Ladung Adrenalin begeistert. Die Musiker zeigen, wie sehr es ihnen gefehlt hat, vor wirklichem Publikum zu spielen und Sänger Sven erzählt, dass von gut 20 geplanten und nun coronabedingt ausgefallenen Festivals nun doch zum Glück zwei Ersatztermine gespielt werden können – und so ist das Picknick Open Air der erste von zwei besonderen Abenden. Der nächste wird die Veranstaltungsreihe „Hände in die Luft“ sein, bei der Hi! Spencer am 27. August in Osnabrück auftreten werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Hier und Jetzt fühlt es sich plötzlich so an, als wären die ganzen Monate voller Isolation, Bangen und sehr langsam keimenden Hoffnungsschimmern wie weggeschluckt. Die andauernde Pandemie und alle damit verbundenen Sorgen und Ängste scheinen wie weggewischt bei der Euphorie, die Hi! Spencer an den Tag bringen; werden eingehüllt in Indie-Rock, der nach mehr schreit. Der nach vorne, raus und weiter will, dabei aber immer stets ein Auge darauf hat, wenn man gerade nicht hinterherkommt und eine kleine Atempause braucht.

Ja, mit diesen fünf Musikern auf der Bühne fühlt man sich definitiv wie angekommen und ich bin mehr als begeistert von dem Gemeinschaftsgefühl, das sich mit jedem Song weiter aufbaut. Gegenseitiges Zugrinsen, lauter Applaus und warmer Gesang im Ohr sind dabei nur wenige der Gefühle, die im Laufe der Livestreamkonzerte immer wieder vermisst worden sind und nun hier Herzen höher schlagen und Mundwinkel nach oben ziehen lassen.

Die Texte gehen unter die Haut und hinterlassen irgendwo in der Nähe des Herzens ein wohliges Prickeln, das durch die laute Musik immer wieder mit neuen Schüben voller Glücksgefühle versetzt wird. Und gerade hier wird mir wieder einmal die heilende und stärkende Wirkung von Musik bewusst: Es ist so, als hätte ich in den Monaten ohne Live-Musik den Kontakt verloren zu etwas, das ich nicht zum Atmen, aber viel mehr zum Leben und Fühlen brauche. Kontakt verloren zu dem Auslöser, der in meinem Bauch Flugzeuge gegeneinander krachen, sich überschlagen und in den warmen Gefühlen eines Freitagnachmittags landen lässt.

Und zwischen Frühlingsmüdigkeit und Alltagsschwermut kommt irgendwann hinter den Baumkronen auch der Sommer hervorgekrochen, angelockt von hallenden Gitarrenklängen, klitzekleinen, aber dafür umso mitreißenderen Solis und den über den ganzen Platz schwebenden Stimmen der Künstler auf und der Zuschauer vor der Bühne. Vielleicht liegt es auch daran, dass nach und nach immer mehr der gut 200 Besucher aufstehen und mal für sich alleine, mal mit dem Picknickdeckenverbündeten tanzen und dabei zusehen, wie die Lichter auf der Bühne die Band umspielen.

Mit Hi! Spencer fühlt es sich immer so an, als wäre man unbesiegbar und würde gleich bewaffnet mit Kaugummizigaretten in der Tasche und bunt klimpernden Klammern im Haar in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. „Richtung Norden“ weist den richtigen Weg, ermutigt dazu, über den eigenen Schatten zu springen und so viel wie möglich mitzunehmen, anstatt immer nur aufzuschieben und die Probleme im Spind einzuschließen.

Aber nicht nur mit den lauten Klängen begeistert die Band aus Osnabrück – mitten im Set ist noch Platz für ein kleines Akustikset und überarbeitete Versionen einiger Songs, die zuerst ungewohnt, dann aber doch umso stimmiger sind. Vor allem „Trümmer“, das auf Platte durch verschiedene Rhythmen und laute Gitarrenriffs definiert ist, findet seinen Weg schleichend in das Ohr und legt sich schließlich wärmend um das schnell schlagende Herz.

Wer schon einmal ein Hi! Spencer Konzert besucht hat weiß, was definitiv nicht fehlen darf und so stellt Sven zusammen mit Jan am Klavier wenige Sekunden nach Ausklang des emotional-wehleidigen Songs die bandeigene Merchkollektion vor. Mit dabei CDs, Vinyls, aber auch T-Shitrs und – „Jetzt mach’s ein bisschen spannender, Jan“ – ein Pullover, der für die neue Single „Von grau zu dir“ designt worden ist.

Das Akustikset wird dann beendet von „Sie tanzt“, für den dann auch der Rest der Band wieder auf die Bühne kommt und farbenfroh letzte Kraftreserven gen Himmel spielt. Gen Himmel, der sich glücklicherweise doch nicht so zugezogen hat wie vermutet und sich stattdessen wolkenüberdeckt gutmütig über einen Abend voller Wiedersehensfreude und Herzenswärme zieht.

Die Fotos wurden von Mihanta Fiedrich verfasst und mit der Hilfe von Verena Schäfer bearbeitet. Vielen Dank an Boese Events für die hervorragende Organisation und Durchführung und an die AOK, AV, Coldewey, das Schokoladen Hotel, NWZ, VW Westerstede, Radio Nordseewelle, die Emder Zeitung, das Sonntagsblatt, bremen vier und Maske 24 für die Möglichkeit!

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