Freudentränen, Fanclubs und Freiheit

Weiße Wimpel ziehen sich von der Bühne bis zum Essensstand, ein mit einem Viva con Agua Banner verziertes DJ Pult ragt über den Köpfen hinaus und vor der Bühne hängt an einem Zaun sorgfältig eingerahmt das Line-up mit den verschiedenste Künstler*innen – hier im Oldenburger Bahnhofsviertel soll vom 15. Juli bis zum 30. August immer mittwochs, freitags, samstags und sonntags das Einfach Kultur Festival stattfinden.

Mit dabei sind unter anderem bekannte Acts wie Fatoni (ausverkauft), Goldroger, Kapelle Petra (ausverkauft) und Das Moped, aber auch vielen kleineren, unbekannten Künstlern wie WEZN, Letterbox Salvation, MVNTIS , Catapults und Roast Apple wird hier eine Bühne geboten.

Innerhalb weniger Wochen wurde die ganze Veranstaltungsreihe organisiert, das Programm auf die Beine gestellt und überlegt, wie sich die Umsetzung mit den Hygienemaßnahmen vereinbaren lässt. Und das alles mit dem Ziel, dass der Sommer in Oldenburg nicht leise wird und die schwer betroffene Kulturbranche wenigstens kurz aufhören kann, aus Existenzangst den Atem anzuhalten.

Auch schön finde ich, dass auf der Website extra dieser kleine Paragraf eingebaut ist:
„Das Einfach Kultur Fest steht für Liebe, Gemeinschaft und Solidarität. Fremdenhass, Sexismus, Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und jegliche andere Formen von dummen, unreflektiertem Hass haben bei uns nichts verloren. Kommt zu uns, feiert mit uns, genießt das Leben und die Gemeinschaft. Auf die Liebe!“

Also durchaus ein Event, dass mit seiner Message und seiner Herzlichkeit in Oldenburg gut aufgehoben ist, das ich als weltoffene und kulturliebende Stadt kennengelernt habe.

Während auf Holzstühlen immer mehr Grüppchen Platz nehmen, betritt Kim Blome mit ihrer Gitarre in der Hand und einer gesunden Portion Selbstbewusstsein die Bühne. Die junge Künstlerin zeigt in gut einer halben Stunde Spielzeit, dass sie ihre Stimme einzusetzen und dabei aber auch das Publikum bei Laune halten weiß. Ich kenne Kim noch aus früheren Zeiten im gleichen Chor und finde es mehr als nur beeindruckend, dass sie jetzt alleine auf der Bühne für sich begeistern kann.

Irgendwie schon krass, dass Livemusik (zumindest vor der Coronakrise) als Selbstverständlichkeit von den meisten wahrgenommen wird – alles sollte perfekt sein und die Menschen auf und hinter der Bühne für die perfekte Unterhaltung sorgen. Dabei wird leider nur oft vergessen, wie viel Unsicherheit, Misserfolge, zwischenmenschliche Probleme und innere Konflikte hinter diesem „perfekt“ meistens stehen. Erst wenn man den Unterschied mehrerer Jahre sieht, an denen die Person auf der Bühne gewachsen ist, wird einem meistens erst bewusst, dass es überhaupt erst einmal eine große Kunst für sich ist, sich auf eine Bühne zu trauen und sich den erwartungsvollen Augen und Ohren einer Menschenmenge auszusetzen. An dieser Stelle noch einmal einen großen Respekt an alle, die den Mut dazu haben!

Im hier und jetzt macht Kim immer wieder Witze über ihre eigenen Songs und die eher düsteren Texte, die durch beschwingte Melodien aber trotzdem die Gedanken zum Tanzen und den Körper zum Durchatmen bringen. Hätte sie ein Backdrop, wäre das vermutlich verziert mit gelben Rosen auf schwarzem Grund – oder mit zerbrechlich-leichten Schmetterlingen, die erst beim genauen Hinsehen ihre Schönheit für den Betrachter offenbaren.

Sogar einen kleinen Fanclub hat sie mitgebracht – „Ich habe die vorher eingeweiht. Sie sollen Zugabe rufen, damit das nicht so traurig ist.“ – dem sich nach dem Konzert bestimmt noch weitere Besucher anschließen würden. Ich gehöre da definitiv auch dazu. Und so kommt es, dass nach der ersten Zugabe einvernehmlich über ihren Fanclub hinaus um eine zweite gebeten wird und mein Gesicht sich unweigerlich zu einem breiten Grinsen verzieht. Genau das ist diese Weltoffenheit und Kulturliebe in Oldenburg, die ich anfangs erwähnt und während der konzertverbotenen Zeit schmerzlich vermisst hatte.

Nach Kim ist eine kleine Umbaupause angesagt, in der das kulinarische Angebot (natürlich nur mit Maske über Mund und Nase) näher inspiziert werden kann – und von veganem Chilli sin Carne („Chilli Milli“) über Brezeln, Pizza und „CousKuss Salat“, zubereitet von der Stube Oldenburg, bis hin zu diversen Kaltgetränken ist alles dabei, was das Herz begehrt. Auch noch einer dieser Vorteile einer Bestuhlung von Konzerten: Die Verpflegung kann viel abwechslungsreicher ausfallen. Und wer kann schon von sich behaupten, Chilli sin Carne auf einem Konzert gegessen zu haben?!

Zwischen den im Wind wehenden Wimpeln und der sich drehenden Diskokugel vor dem DJ Pult betreten Toni Trash die Bühne, die aus Osnabrück angereist sind und einen Koffer voller kunstvoll arrangierten und in düsteren Phrasen versteckten gesellschaftskritischen Zeilen mit tosendem Lärm auspacken. Das Soundgerüst ist sehr dynamisch und wandert mal von Gitarrensoli über Basslines hin zu einem energievollen Schlagzeug.

Und bin ich mal ehrlich – nur schwer kann ich Tränen vor Freude unterdrücken, als die ersten Töne erklingen und die laute Musik mit gewaltiger Kraft über den Köpfen einbricht. Zwar schade, dass aufgrund der Stühle kein körperliches Fallenlassen und den Körper vollkommen der Musik hingeben möglich ist, aber dafür kann der Geist vielmehr jede Zeile aufgreifen und die Kraft der Musik innerlich zum Auftanken neuer Energie aufwenden.

Die Setlist ist gefüllt mit Songs, die sich gegenseitig jagen und immer stärker werden. Es scheint so, als würden Toni Trash mit jedem abgelieferten Track mehr an Selbstsicherheit, Intensität und Inspiration gewinnen, von Song zu Song wird das Set lebendiger und wandert über den ganzen Platz. Abwechslungsreich wird es beispielsweise in „Maskenfall“, das erst mit sphärischen Melodien und zurückhaltenden Beats anfängt, sich mit einem vor Energie sprühenden Chorus weiter aufbaut und sich zwischendurch immer wieder zurücknimmt, um der Stimme von Sänger und Gitarrist Fabian Platz zu geben. Fast schon leichtfüßig singt er von den verschiedensten Gesichtern der Gesellschaft, die Verrat und Egoismus hinter aufgesetzter Höflichkeit und unschuldigen Lächeln versteckt.

„Wenn meine Maske fällt, fallt ihr auch / Es gellen Schreie, fliegen Scherben, wirbelt Staub / Wenn meine Maske fällt, lass‘ ich los / Und die Wellen, die ich schlage, werden groß“

Toni Trash erzählen Geschichten, die niemals in der gemütlichen Kaffeerunde landen sollten. Und irgendwie muss ich zwischen den kratzigen Melodien und den energiegeladenen Screams von David in „Stelzen“ an einen Schiffsbruch denken. Und an die ganzen aufgebrachten Gefühle, die dadurch ausgelöst werden und sich in den Weiten des Ozeans verlieren. An zerberstende Balken und an Wasser, das durch die Planken sickert. Aber dann auch an den Mut aus der Verzweiflung heraus, aus eigener Kraft zu versuchen, weiterzumachen – das Rettungsboot ins Wasser zu lassen und ohne Karte und Ziel einzig und allein an der Hoffnung festklammern, mit dem Wissen, dass man nichts mehr zu verlieren hat als das eigene Leben.

Nach Toni Trash geht es dann mit einer großen Portion Euphorie weiter, die sich als Madelyn’s Gun entpuppt. Die Oldenburger Band bringt auf Gedanken, die bereits wieder in Clubs und auf ausverkauften Festivals tanzen. Erinnert an ausgelassene Mengen in Festzelten, in denen jede Sekunde Gläser aneinander klingen und stets mitgesungen wird, auch wenn der Text nicht verstanden wird. Mit voller Kraft führt die Band ein ordentliches Repertoire auf, das gefüllt ist mit nach vorne strebenden Refrains und stimmungsvollen Versen.

Auch Madelyn’s Gun haben anscheinend ihren kleinen Fanclub mitgebracht; der Zusammenhalt und das Gelächter untereinander machen das Konzert noch schöner, als es sowieso schon ist. Besonders mitreißend ist die Stimme von Sänger Luuk, die mal laut und mal leise über das Gelände schallt und dynamisch durch das Set begleitet. Zwischendurch macht seine Stimme aber auch Platz – Platz für brillante Gitarrensoli, die das Publikum zum Jubeln und die Saiten nur so zum Schwingen bringen. Das Ganze wird dabei noch untermalt von einer passenden Lichtshow, die die Band noch viel mehr in Szene setzt.

Aber auch ruhigere, eskalationsunerwünschte Songs sind dabei, die direkt an sonnige Abende am Lagerfeuer erinnern, bei denen irgendwann immer einer aus dem Nichts eine Gitarre hervorzaubert und ein anderer mit einer markanten Stimme überrascht.

Und während ein Flugzeug vorbeifliegt, der Geruch von Chili und Fritz Kola herüberweht, Hände in der Luft gegeneinander fliegen und die Glühbirnen blinken, neigt sich der Abend langsam dem Ende zu und wieder einmal wird bewusst, wie wichtig Kultur und sich gegenseitig aufmerksam zuhören ist. Vielen Dank an dieser Stelle an das ganze Team von Einfach Kultur, die einen schönen Sommer wieder möglich machen!

Fotos: (c) Mihanta Fiedrich | Gedanken Groove

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