Verregnete Vielschichtigkeit

Dunkle Wolken bahnen sich an, als am 26. September MADANII und LLUCID die Bühne des Einfach Kultur Festivals in Oldenburg betreten. Und während Regenponchos über die Kleidung gezogen und neugierig gen Bühne geschaut wird, legen die beiden mit einer klangvollen Mischung aus eingängigen Popmelodien und mitreißenden Elektrotunes einen Schleier aus bebenden Beats und lautem Herzschlag über das Publikum. Lassen vergessen, dass der Regen das Open Air Gelände nicht verschont und die wenigsten an einen Schirm gedacht haben. Tauchen zusammen ein in eine Welt, die ausgefüllt wird mit traditionell iranischen Instrumenten, der fast sanft flüsternden Stimme von Sängerin Dena Zarrin und den verschiedensten Sounds, die Lucas Herweg abfeuert.

Aber es ist sind nicht nur die lauten Klänge, die das Duo besonders machen. Während besonders stimmungsvollen Passagen schließt Dena ihre Augen, blendet die Welt für ein paar Sekunden aus – und fängt an, sich gefühlvoll zu der Musik zu bewegen. Der kreative Umgang der beiden mit Musik, die gehört werden will, sorgt für Eindruck und dafür, dass die Zuschauer trotz Regen wie gebannt ihre Köpfe nach vorne richten.

„Ich habe das noch nie gemacht, aber ich erkläre mal, warum wir so komische Musik machen.“

Was Dena hier als komisch beschreibt, ist in den ersten paar Songs vielleicht noch ungewohnt – aber öffnet dann langsam die Ohren und Augen für zwei Kulturen, die so verschieden voneinander sind, sich dann aber letztendlich darin vereinen, dass sie Menschen zusammenbringen. Und auch wenn die Hälfte der Stücke auf Persisch geschrieben sind – die Klänge gehen unter die Haut und die Messages kommen an. Und zwischen Selbstzweifeln und Gesellschaftsdruck erzählen aus den Boxen kommende Samples, die in einer kurzen Sequenz mit Vogelgezwitscher und Meeresrauschen gefüllt sind, von Frieden und innerer Ruhe.


Während die dunklen Wolken weiterziehen und sich stattdessen ein einziger grauer Wolkenteppich zusammenbraut, verlässt das Duo unter lautem Applaus die Bühne und macht Platz für Goldroger. Für die Texte ist der Dortmunder Sebastian Goldstein verantwortlich, der durch das Kölner Produzenten-Duo Dienst & Schulter unterstützt wird. Mich überrascht dabei die E-Gitarre, die live deutlich hervorsticht und den Songs eine große Portion Rock verpasst. Insgeheim male ich mir große Moshpits zu „Lavalampe Lazer“ und „Bomberman“ aus, nach denen verlorene Seelen und gefundene Identitäten in „Lip Gallager“ langsam wieder zu sich kommen.

Die Texte passen nicht in die verhassten Rap-Stereotypen, machen eine neue Schublade auf, sprechen ehrlich über Situationen aus dem Alltag und verschachtelt über Lebenseinstellungen und Weltbilder. Werden dabei getragen durch die kunstvoll gespielte E-Gitarre und laute Klänge, die hinter dem DJ-Pult zusammengeführt werden. Untermalt von einer dynamischen Lichtshow, die von lila zu rot und gelb wechselt und kleine Regentropfen einfängt.

„Da nicht gemosht werden kann, versuche ich es mit Stand-up-Comedy!“

Und während Goldroger Anekdoten aus dem erfolglosen Matheunterricht erzählt, setzt der Regen wieder ein und prasselt kalt auf Regenponchos, die im Vorhinein unter den Zuschauern verteilt werden. Mit dem Mikrofon nah am Mund und dem Blick fest auf dem sitzenden Publikum hat Goldroger das Lächeln nicht verlernt und zeigt mit dieser kleinen Geste, was ihm das hier bedeutet. Wie viel ihm die Zeilen, die Beats, die Melodien, das Feedback des Publikums und die Dynamik einer Live-Show unter den momentan vorherrschenden Umständen geben.

Taucht im Nebel unter, der durch lila Licht geflutet wird und das ganze Gelände erstrahlt. Das Konzert ist ausverkauft, die Holzstühle gut besetzt und auch wenn die Stimmen der Crowd im Regen und Abstand untergehen, stechen immer wieder einzelne Stimmen und laute Gefühle heraus, die den Mittwochabend in vollen Zügen genießen, sich zufrieden zurücklehnen oder vor lauter Euphorie gerne aufspringen würden.

Auch „Horcrux“ ist ein Teil eines Sets, das zwischen der neusten EP „Diskman Antishok II“ und dem Debüt-Album „Räuberleiter“ spielt. Einer meiner Lieblings-Goldie-Songs, da die geheimnisvolle Melancholie sich gerade an den richtigen Stellen aufbaut, um die knisternde Spannung des Songs einzufangen. Es geht um dunkle Mächte, um Parallelen zu den Harry Potter Romanen – aber vor allem darum, negative Ereignisse aus dem Leben zu verbannen und Neues aufzubauen. Eine dunkle Tür zu schließen und dabei mit der anderen Hand die gegenüberliegende Tür zu öffnen, hinter der eine ungewisse Zukunft und große, ungeahnte Lebenserfahrungen warten.

„Ein Teil von mir ist jetzt weg, auf ewig in diesem Song konserviert. Ich hab meine Seele verkauft für einen Krümel Unsterblichkeit…und ich würds wieder tun.“ – schreibt Goldroger auf Instagram über den Song, der wie viele seiner Tracks innere Räder ankurbelt und dafür sorgt, dass rostige Scharniere knarrend aufgehen und neue Möglichkeiten offenbaren.

„Und manchmal hör‘ ich dich immer noch, wenn sie spielt / Es ist verrückt, wie dem einen etwas die Welt bedeuten kann / Was für einen anderen nichts weiter, als nur ein Lied ist“

Mit dem Goldroger Konzert geht für mich auch die Einfach Kultur Reihe vorbei. Drei Konzerte konnte ich leider nur besuchen, aber auch durch die ständige Instagram-Präsenz konnte ich gut genug verfolgen, wie gut das Event angekommen ist und wie sehr wir auch in Oldenburg Kunst und Kultur brauchen. Vielen Dank an dieser Stelle für das starke Line-up, die herzerwärmende Gastfreundlichkeit und die nie enden wollende Motivation, die in dieses Projekt investiert wurde. Hat mir sehr viel bedeutet, sowas in Oldenburg erleben zu dürfen!

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