„Und ich steh‘ vor dir im Sommerregen“

Um das ansonsten zweitägige Überseefestival stattfinden lassen zu können, wurden keine Kosten und Mühen gescheut und ein komplett neues Konzept auf die Beine gestellt. Statt nur über ein Wochenende findet das Festival in diesem Jahr vom 19. bis zum 30. August mit 10 Terminen statt und lockt mit einem abwechslungsreichen Line-up nach Bremen.

Am 21. August treten Koala und Raum27 auf – also ein mehr als guter Grund für uns, unser Gepäck in den Kofferraum zu werfen und über die glänzenden Straßen gen Überseestadt Richtung Festival und Freiheit zu fahren. Eingeparkt, an der Kasse die Tickets vorgezeigt, einen Platz zugewiesen bekommen und dort gemütlich gemacht. Das Gelände wirkt familiär, ist verziert mit sonnenbeschienenen Paletten, runden Stehtischen und Deko, die farbenfroh im Wind flattert. Um das Festivalerlebnis spannender zu gestalten, konnte man im Vorhinein die verschiedensten Sitzbereiche auswählen – von ganz oben auf dem Rooftop, über gemütlich sitzend auf den Hollywoodschaukeln, hin zu ganz klassisch auf Bierbänken oder an den Stehtischen mit aufgestellten Paletten als Sitzgelegenheit ist alles dabei.

Rechts neben der Bühne steht ein kleiner Essensstand – dank dem ich jetzt weiß, dass man Pommes mit Schnittlauch essen kann und das gar nicht so verkehrt schmeckt – und hinter dem FOH findet eine Bar mit sämtlichen Getränken ihren Platz. Hungern muss der Festvalbesucher also definitiv nicht – vorausgesetzt, er hat vorher sein Geld in die festivaleigene Währung, die Tokens, umgetauscht. Ungewohnt, aber hat etwas von einer kleinen, eigenen Welt, in die man gerade eingetaucht ist und bei der einzige Kritikpunkt ist, dass das Gelände nicht verlassen werden darf. Aber mit Musik, Essen, Trinken und in bester Gesellschaft fühlt man sich auch wohl genug hier.

Während sich die reservierten Plätze immer weiter füllen, betritt die Bremer Band Koala die Bühne. Die Sonne beginnt langsam zu strahlen, hüllt den Platz in warmes Licht und spendet den lächelnden Gesichtern angenehme Wärme. Koala spielen bereits veröffentlichte Tracks – darunter auch die neue Single „Insel“ – aber auch viele, die noch nicht das Licht der Welt erblicken durften. Im Handumdrehen schaffen sie es, das Publikum mit ihrer Euphorie anzustecken, während die Sonnenstrahlen auf der Haut kribbeln und die Songs es sich in jeder Ecke des überschaubaren Platzes gemütlich machen. Laut, aber dennoch immer verziert mit einer feinen Prise Melancholie. Leise, aber dennoch immer gesprenkelt mit jeder Menge Tatendrang und Adrenalin. Hinter uns hält jemand ein ausgedrucktes Koala-Bild hoch und der Kopf schwebt vor lauter Glücksgefühlen in den Wolken.

Die kleinen Gruppen, in denen kein Mindestabstand eingehalten werden muss, sorgen dafür, dass die Stimmung binnen Sekunden persönlich wirkt. Jeder einzelne hält sie aufrecht, hält sich fest an dem schwebenden Band aus gemeinsamer Euphorie. Der Synthesizer schwebt davon, während der Gesang sich aufmunternd unter die Menge mischt, anklopft und zum gemeinsamen Tanzen einlädt. Zum Zeit vergessen, Augen schließen und Loslassen – oder auf die einsame Insel entführt, die sich jeder mit den ganz eigenen Farben und Formen gestalten darf.

Das „vielleicht“ in „Warum bist du so?“ erinnert an laue Luft, vorbeifliegende Schmetterlinge, im Wasser baumelnde Füße und hochgekrempelte Jeans. Euphorie vermischt sich in der Atmosphäre mit den Sonnenstrahlen, strahlt gefühlvoll auf und verleiht dem Song eine ganz besondere Note. Während die Gitarre ausbricht und das gemeinsam gesungene wo-ohh über den ganzen Platz schallt, tanzen die Zuschauer auf dem Rooftop ausgelassen und die Musik sorgt dafür, dass sich die Welt für ein paar Songs langsamer dreht.

Ich habe die Zeit vergessen, als auf einmal der Himmel aufreißt und es wie aus dem nichts anfängt, zu regnen. Irgendwie ist es Schicksal; niemand weiß so wirklich, wohin mit sich. Einige stülpen sich panisch Regencapes über, andere suchen Schutz unter viel zu dünnen Regenjacken und jemand versteckt sich unter dem Tisch. Wir nutzen unseren, um unsere Rucksäcke zu verstauen – und tanzen dann einfach im Regen weiter, bis der Song ausklingt und ein kleines Wirrwarr aus Crew und Technik vor der Bühne entsteht. Auch die gezwungene Pause trübt die Stimmung nicht, der Regen ist eine willkommene Abkühlung und es ist natürlich sowas von typisch, dass das norddeutsche Wetter auch das Festival hier nicht verschont.

Danach geht es mit gewohnter Leichtigkeit weiter, der Regen bleibt noch für kurze Zeit ein treuer Begleiter und der Platz erhellt langsam wieder durch warme Herzen und gefühlvolle Klänge.

Die Sonne geht in Begleitung von warmen Farben unter, als Raum27 aus Bremen /Bremerhaven die Bühne betreten. Inzwischen ist der Platz deutlich gefüllter und der Regen hat sich wieder in den Wolken versteckt. Mit einer Wucht geht es los mit Musik, die live noch viel energiegeladener ist als auf Platte. Die sich ihren Weg durch die Atmosphäre sucht, um im Herzen einzuschlagen und mit den Gefühlen zu spielen. Die kurze Pause zwischen den Songs unterbrechen immer wieder laute Fan-Chöre, die vom Rooftop den Bandnamen in grölende Zeilen umwandeln. Zaubert ein Lächeln auf die Lippen der Band, die in Bremen gut Fuß gefasst hat. Die Zuschauer vom Rooftop sind nämlich nicht die einzigen Fans; nicht gerade wenige können die Lieder mitsingen, kennen die bisher unveröffentlichten und lassen sich sekundenschnell in die aufgewühlte Stimmung fallen, um nach jedem Song aufbrausenden Applaus anzustiften.

Der unveröffentlichte Song „Sommerregen“ mischt sich ins Publikum und auch wenn es schon lange wieder aufgehört hat zu regnen, passt der Track wie perfekt in die Stimmung und malt bunte Bilder in den immer dunkler werdenden Himmel. Sänger Tristan sagt es selbst – die Band hat eine dynamische Mischung aus lauten und kämpfenden Songs mitgebracht, aber auch gefühlvolle, sehnsuchtsvolle Balladen im Gepäck. Während sich die Wolken langsam lila färben, verwandelt sich der Platz in ein einziges Gefühlschaos zwischen Ekstase und Melancholie. Hüpft mal energiegeladen, bereut im nächsten Moment, dass kein großer Moshpit zum Refrain von „Oft gesagt“ ausbricht und schwankt in dem Meer aus facettenreicher Musik.

Langsam wird es wieder warm, das helle Licht spiegelt sich in den Regentropfen auf den Tischen und die Zuschauer kommen hinter Regenponchos und -schirmen hervor, strecken Schultern zurück und öffnen Herzen, um die herumschwebenden Gefühle einzufangen. Um sie ganz tief im Gedächtnis zu verstauen, sie in die wohlige Stimmung einzupacken und immer dann wieder auszupacken, wenn der Alltag droht, trist zu werden. Die Songs selbst sind alles andere als trist; sind gesprenkelt von lebendigen Melodien, treibendem Drumming und mehrstimmig gesungenen Refrains. Währenddessen erzählt Tristan am Mikrofon von Momentaufnahmen, mit viel Ironie von Liebe und Leben und gibt mit einem Augenzwinkern einen Einblick in seine eigene Gefühlswelt.

Besonders schön wird es, als zu „Kammerflimmern“ von den gezückten Taschenlampen ein Schild mit der Bitte zum Mitsingen beleuchtet wird. Dem wird – natürlich mit Maske – nachgegangen und so sitzt keine zehn Sekunden später Maja auf dem Bühnenrand. Teilt sich das Mikro mit Tristan, füllt den Platz mit herzerwärmenden Schmetterlingen und sorgt dafür, dass der Abend noch ein Stück mehr unvergesslich wird. Die Beine der beiden baumeln locker von der Bühne, das breite Grinsen verzieht die Augen zu Schlitzen und die Ehrlichkeit in den Zeilen wird noch einmal mit einem neuen Blickwinkel geschmückt.

Ab diesem Moment ist die Hemmschwelle überwunden und die ersten Moshpits branden auf, als es Richtung Zugaben geht. Natürlich nur in den kleinen Tischgruppen, aber trotzdem wohl das schönste, was man aus der Situation hätte machen können. Und diejenigen, die den Moshpit scheuen, müssen auch keine Angst vor Bierflecken auf dem Shirt oder blauen Flecken am Arm haben. Haben hier zusammen die Chance, die Welt zu vergessen und nur für sich selbst zu tanzen, zu springen, zu genießen, zu leben.

Fotos: (c) gedankengroove / Mihanta Fiedrich

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